Originaltitel: ANOTHER YEAR

GB 2010, 129 min
FSK 0
Verleih: Prokino

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Jim Broadbent, Ruth Sheen, Lesley Manville, Peter Wight, Philip Davis, Michele Austin, Imelda Staunton, David Bradley

Stab:
Regie: Mike Leigh
Drehbuch: Mike Leigh
Kamera: Dick Pope

Kinostart: 27.01.11

9 Bewertungen

Another Year

Warum Du und ich so besonders sind, daß Mike Leigh uns glatt neu erfindet

Der Londoner Stadtrand im Frühling. Jetzt. Ein prachtloses Reihenhäuschen, eingezwängt zwischen fast baugleichen Artgenossen, die mit ein wenig Farbe oder dem unvermeidlichen Willkommenskränzchen an der Haustür auf ihre Individualität pochen. Links vom Flur geht es in die Wohnküche, in der schon so mancher mit oder ohne Federlesen bewirtet wurde. Eine Treppe führt hinauf ins alte Kinderzimmer, das den inzwischen erwachsenen Sohn auf Elternbesuch genauso freundlich aufnimmt wie andere Übernachtungswillige. Unten rechts (vom Flur aus) eine Wohnstube mit einladendem Sofa, das – ohne Rücksicht auf Einrichtungsmoden der vergangenen Dekaden – noch jedem unangekündigten oder über dem letzten Glas Wein eingenickten Gast ein bequemes Lager für die Nacht bot. Tom und Gerri, der Geologe und die Therapeutin vom Gesundheitsamt, sind in diesen Räumen gemeinsam in die Jahre gekommen. Sie leben einen Ehe gewordenen Zeichentrickwitz über die unverbrüchliche Verbundenheit von Katz’ und Maus, der schon bei ihrer Hochzeit für Lacher gesorgt haben dürfte.

Küche und Sofa, Haustür und Treppe, Tom und Gerri. Aus ihnen ist das große Überzuhause von Mike Leighs neuestem Film gebaut ­– so präzise kartographiert, daß man bei Gefahr für Leib und Leben nahezu blind in diesen Vorstadttraum vom Eins- und Zufriedensein mit sich und der Welt zurückfände. Und wer bislang meinte, der britische Film habe kein Talent für paradiesische Zustände, der sollte sich diesen Schrebergarten ansehen, den die Eheleute an ihren Wochenenden bebauen, begießen und genießen. Aber sind von Mike Leigh, jenem hellwachen Filmpfleger britischer Mittelstandsgärten, denn wirklich Paradiese ohne Stallgeruch, ohne komisch-peinliche Tretminen und berührende Traurigkeiten zu erwarten?

In ANOTHER YEAR kommen, gehen und wandeln sich die Probleme mit den Gästen, im gleichmäßigen Rhythmus, mit den leichten Temperatur- und Farbverschiebungen zwischen den Jahreszeiten. Im Sommer kommt zum Beispiel Jugendfreund Ken zu Besuch. Sein verschwitztes Hemd enthält Proben verschiedener Fast-Food-Snacks und Biere, mit denen er sein verunglücktes Leben herunterschluckt. Im Herbst stellt Sohn Joe seine neue Freundin vor – zur Freude der Eltern und zum Entsetzen von Mary, einer etwas exzentrischen Kollegin aus Gerris Gesundheitsamt. Sie ist nicht nur lächerlich eifersüchtig, sondern auch eine Art Dauergast, der sich mit dem einen oder anderen oder noch einem Wein regelmäßig in Klagestimmung über verlorene Lieben und einsame Abende trinkt. Im Winter holt man Toms Bruder ins Haus, der nach dem Tod seiner Frau fast erstarrt und verstummt ist – schnell in die Jacke gewickelt, die Tasche gepackt, das angebrochene Bier beiseite gestellt, und schon sitzt der alte Knabe mit am Küchentisch.

Was heißt und zu welchem Ende studiert man Normalität? Mike Leigh hat darauf viele Antworten gegeben, die besten natürlich in seinen Filmen. Wer also neugierig auf Leighs ausgetüftelte dramaturgische Veredelungsverfahren für die Existenzen von nebenan ist, für all die unscheinbaren Dus und Ichs, versenke sich in VERA DRAKE, seine stille Liebeserklärung an eine Verbrecherin aus Mitgefühl, oder erinnere sich an HAPPY-GO-LUCKY, wo er einen ganzen Beutel fröhlichen Altruismus platzen läßt, und zwar laut. Die Mischverhältnisse von Komik und Tragik mögen verschieden sein – im Grundinteresse am Menschlichen bleibt der Regisseur sich treu. Und nicht nur das. Er behauptet und beweist, das seine Unter- und Mittelständler, ihre Wohnstuben, die kleinen Malheurs und großen Katastrophen absolut cinematogen sind, wenn man sich nur darauf versteht.

Seit Jahren hilft ihm dabei regelmäßig Dick Pope, ein Kameramann, der seine Virtuosität so sehr in den Dienst von Charakteren, Räumen und Stimmungen stellt, daß man sie fast übersehen könnte. Ebenso seit Jahren verläßt sich Leigh auf ein Stammensemble, das sich chamäleongleich in seine Figuren schmiegt. Jim Broadbent, Ruth Sheen, der massige Peter Wight, die rätselhafte Imelda Staunton – sie alle geben sich bei Leigh die Klinke in die Hand und unterziehen sich seiner besonderen, inzwischen legendären Methode der Schauspielerführung. Gemeinsam entsteht dann schließlich das, was Leighs Filme immer und vor allem auszeichnet: eine überwältigende emotionale Großzügigkeit.

[ Sylvia Görke ]

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