Originaltitel: ART/VIOLENCE

Westjordanland/USA 2013, 75 min
FSK 12
Verleih: Arsenal Institut

Genre: Dokumentation, Polit

Stab:
Regie: Udi Aloni, Batoul Taleb, Mariam Abu Khaled
Drehbuch: Udi Aloni, Batoul Taleb, Mariam Abu Khaled

Kinostart: 17.10.13

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Art/Violence

Die Kunst, den Tod zu überleben

Wo anfangen mit der Geschichte des Juliano Mer-Kahmis? In Nazaret, wo er geboren wurde, oder in Jenin, wo ihn 2011 ein bis heute unbekannter Täter erschoß? Müßte man nicht von seinen Eltern erzählen, der jüdischen Aktivistin und dem palästinensischen Kommunisten, die ihm, quasi genetisch, die doppelte Identität einer ganzen Region mitgaben? Oder wäre es nötig, 1948, also noch vor seiner Geburt, mit der Gründung des Staates Israel zu beginnen, der für Juden und Palästinenser gleichermaßen zum brodelnden geopolitischen Fatum werden sollte?

Dieser Dokumentarfilm verweigert sich der Entscheidung für den einen „richtigen“ Anfang. Denn er ist nicht von einem Unbeteiligten gemacht, der sein Material mit Seelenruhe sortiert und damit Ereignisse ordnet, die sich eigentlich überschlagen. ART/VIOLENCE ist ein Dokument der Trauer, der Wut und der Liebe – so ungekämmt und ohne Rücksicht auf Konventionen, wie man das Trauernden, Wütenden, Liebenden zugesteht. Udi Aloni, Batoul Taleb und Mariam Abu Khaled waren nicht nur Freunde, Kollegen und Schüler von Juliano Mer-Khamis, sondern auch Mitträumer an der Idee von einem Theater, das nicht zwischen politischem, sozialem und künstlerischem Aktivismus unterscheidet. Genau wie sein Gründer Juliano Mer-Khamis.

2006 nahm sein Freedom-Theater in Jenin die Arbeit auf – mitten im israelisch besetzten Westjordanland, mitten im Auge des Orkans, wo sich nicht nur israelische Militär- und palästinensische Ohnmacht gegenüberstehen. Nein, dieses Theater mußte auch zur Provokation für die Sitten- und Tugendwächter der arabischen Welt werden. Weil es zum Beispiel Frauen und Mädchen ermutigte, sich mit der Bühne auch gesellschaftlichen Raum zu erobern. Weil es die großen „westlichen“ Theatertexte in die Flüchtlingslager, an die Grenzposten trug.

Aloni, Taleb und Abu Khaled haben zusammengetragen, was die Sprengkraft des Freedom-Theater ausmacht: animierte Sequenzen, die sich skizzenhaft in dokumentarische Bilder einschreiben, Berichte von israelischer Polizeiwillkür, Musik, Textmonologe, szenische Improvisationen, Fragmente von älteren und neueren Inszenierungen. Vor allem dieses „Theatermaterial“ hat es in sich. Denn in Jenin auf Godot zu warten, den Monolog des Shylock an den israelischen Sperranlagen zu sprechen – das sind nicht nur ungeheure Sinnexplosionen, sondern gewaltige Statements: zum Weitermachen, Kunst machen, den Mund aufmachen!

[ Sylvia Görke ]

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