Originaltitel: AYKA

Rußland/D/Polen/Kasachstan/China 2018, 100 min
FSK 12
Verleih: Neue Visionen

Genre: Drama, Schicksal

Darsteller: Zhipargul Abdilaeva, David Alaverdyan, Sergey Mazur

Regie: Sergei Dvortsevoy

Kinostart: 18.04.19

2 Bewertungen

Ayka

Von der Verzweiflung

Neugeborene schreien in einer Geburtsklinik, doch statt ihr kurz zuvor zur Welt gekommenes Baby zu stillen, flieht eine junge Mutter aus dem Badfenster. Draußen herrscht tiefster Moskauer Winter, der Schnee türmt sich hoch in den Straßen, die Welt versinkt im weißen Flockenwirbel. Ayka schleppt sich zu einer finsteren Baracke, um dort im Akkord Hühner zu rupfen. Doch um den Lohn wird sie geprellt. Zu Tode erschöpft und mit blutender Geburtswunde gelangt sie zu einer illegalen Unterkunft in einem heruntergekommenen Haus. Dort sind in einer Wohnung mehrere Dutzend Menschen aus Mittelasien zusammengepfercht. 

Sie alle kamen illegal nach Moskau, um ihre Träume von einem besseren Leben zu verwirklichen. Auch Ayka wollte sich mit einem eigenen Nähgeschäft aus der vorherbestimmten Armut im heimatlichen Kirgisistan befreien. Doch stattdessen hocken ihr nun Schuldeneintreiber wegen einer für hiesige Verhältnisse lächerlichen Summe erbarmungslos im Nacken. Weil sie dringend einen Job braucht, hetzt Ayka trotz Schmerzen durch die Straßen. Alle Gedanken an ihr zurückgelassenes Kind verdrängt sie in dieser existentiellen Situation. Sie ist komplett allein, für ihre Mitmenschen scheint ihr Leid unsichtbar.

Sergey Dwortsevoys AYKA zeigt eine unglaublich harte, kalte und rassistische Gesellschaft, die den Einzelnen ausschließlich an seiner ökonomischen Verwertbarkeit mißt. Ausgangspunkt für seinen Film bildete eine Zeitungsnotiz, wonach im Jahr 2010 in Moskauer Geburtskliniken 248 Babies von Müttern aus Kirgisistan aufgegeben worden waren. Als illegale Kirgisin steht die junge Frau weit unten auf der sozialen Leiter. Die Gegensätze könnten schärfer nicht sein: Eine Dackeldame, die in einer Tierklinik versorgt wird, wo Ayka arbeitet, trägt ein funkelndes Halsband, das allein wahrscheinlich ausreichen würde, um ihre Schulden zu bezahlen. 

Hauptdarstellerin Samal Yeslyamova lebt diese Rolle einer ausweglos Gehetzten und doch immer wieder wütend Aufbegehrenden geradezu. In Cannes wurde sie dafür mit dem Preis der „Besten Darstellerin“ geehrt. Ihr schwerer Atem gründet den Rhythmus der dokumentarisch anmutenden Bilder. Die Kamera bleibt stets nah an Aykas verschlossenem Gesicht, in dem sich Erschöpfung und tiefe Müdigkeit spiegeln. Dieser in seiner Härte schwer auszuhaltende Film ist eine einzige Anklage gegen zutiefst unmenschliche Zustände. Der einzige Hoffnungsschimmer ist Ayka selbst, die sich nicht widerstandslos in ihr Schicksal fügt.

[ Dörthe Gromes ]

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