CH 2017, 97 min
FSK 16
Verleih: Meteor Film

Genre: Drama, Horror, Erwachsenwerden

Darsteller: Luna Wedler, Regula Grauwiller

Regie: Lisa Brühlmann

Kinostart: 01.11.18

2 Bewertungen

Blue My Mind

Die monströse Verwandlung

Seinem Körper entwachsen, sich innerlich häuten, selbst nicht wiedererkennen, wandeln – all diese Phänomene passieren, wenn man erwachsen wird. Selten wurde diese turbulente Phase, welche man als Erweckung oder auch Abschied lesen kann, so visuell spannend und gleichzeitig lebensnah umgesetzt wie von der Schweizer Regisseurin Lisa Brühlmann. Auch dank einer Riege ausnahmslos überzeugender Darstellerinnen.

Mia, die 15jährige Hauptfigur (großartig: Luna Wedler) zieht mit ihren Eltern in eine gesichtslose Vorstadtsiedlung. In der neuen Klasse fühlt sie sich magisch von der Clique der Rebellen angezogen, die ihr vorerst verschlossen bleibt. Gianna, die schöne, coole Anführerin, hat den entscheidenden „weißen Handschuh“ noch nicht zu ihren Gunsten geworfen. Aber Mia bleibt dran und darf schließlich mit abhängen, im Einkaufscenter klauen gehen und sich in Sachen Drogen ausprobieren. Natürlich kommt auch Sex ins Spiel, der aber eher mit einer Mutprobe oder Zeitvertreib gleichgesetzt wird. Romantik meilenweit Fehlanzeige.

Die Abgeklärtheit, mit der Brühlmann ihre Figuren agieren läßt, mißfällt nicht nur Mias Eltern, von der sich die Tochter immer mehr entfremdet. Sie ist an sich absurd. Denn sie zieht die emotionale Grenze dort, was man als Heranwachsender für wichtig erachtet; für die große monströse Verwandlung, die der Erwachsene an sich nicht mehr nachempfinden kann. Denn der ist gewissermaßen fertig, in Form und einsatzfähig. Mit dem großen Muß behaftet, funktionieren zu können. Wie man an der gut sortierten Tablettensammlung von Mias Mutter sehen kann, kostet die Aufrechterhaltung dieses Status’ gegebenenfalls auch ihren Preis. Doch bei Mia kommt noch etwas Anderes hinzu. Ihre Beine beginnen mit der ersten Menstruation dunkle Flecken zu bekommen, und ihre Zehen wachsen zusammen. Und so heftig Mia es auch versucht, dieser Prozeß läßt sich nicht aufhalten.

In Bildern, die für die große Leinwand erdacht wurden, inszeniert Brühlmann die heißwilden Nächte der Teenies. Um dann immer stärker auf Mia zu fokussieren, die abdriftet in eine Welt aus Verzweiflung und Rausch. Plötzlich ist da auch noch der nicht zu bändigende Heißhunger auf rohen Fisch.

Mias Metamorphose wird – und das ist der Regiearbeit ebenfalls hoch anzurechnen – nie erklärt oder moralisch aufgeladen. So bleibt dem Zuschauer die Deutungsebene selbst überlassen.

[ Susanne Kim ] Susanne mag Filme, in denen nicht viel passiert, man aber trotzdem durch Beobachten alles erfahren kann. Zum Beispiel GREY GARDENS von den Maysles-Brüdern: Mutter Edith und Tochter Edie leben in einem zugewucherten Haus auf Long Island, dazu unzählige Katzen und ein jugendlicher Hausfreund. Edies exzentrische Performances werden Susanne als Bild immer im Kopf bleiben ...

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