Originaltitel: LA VILLA

F 2017, 107 min
FSK 6
Verleih: Film Kino Text

Genre: Drama, Familiensaga

Darsteller: Ariane Ascaride, Jean-Pierre Daroussin, Gérard Meylan, Anais Demoustier, Robinson Stévenin

Regie: Robert Guédiguian

Kinostart: 21.03.19

10 Bewertungen

Das Haus am Meer

Von Liebe und Neid, Tränen und Solidarität

Angèle, die Theaterschauspielerin, kehrt nur aus Paris zurück, weil es der Notar empfohlen hat, Joseph gewiß auch, um sich mit seiner wesentlich jüngeren Freundin zu zeigen, und Armand, der älteste der drei Geschwister, muß nirgendwo heimkehren, er ist schon da, weil er geblieben ist, um das Restaurant seiner Eltern weiterzuführen. Die Geschwister kommen zusammen, da der Vater schwer erkrankt ist, mit seinem baldigen Ende ist zu rechnen. Der betagte Herr selbst sitzt auf der Terrasse seiner schönen, ein wenig in die Jahre gekommen Villa, zieht kräftig an der Zigarette, die er nicht rauchen darf, atmet tief ein und aus: Je m’en fiche – mir egal!

Ein waschechter Einstieg für Robert Guédiguians vielleicht schönsten Film der letzten Jahre, denn DAS HAUS AM MEER verbindet aufs Meisterliche all das, wofür man den Regisseur seit MARIUS & JEANNETTE so schätzt: dieser liebevolle, menschliche und dabei niemals verklärende Blick in gelebte Gesichter, diese eigenwillige Kunst, berührend und tiefsinnig von der komplizierten Einfachheit des Lebens zu erzählen, und eben Guédiguians Verbundenheit mit dem häßlich-schönen Marseille, einem Ort, der so widersprüchlich, so behäbig und sprunghaft ist wie das Leben selbst.

Schauplatz ist eine kleine Bucht nahe Marseille, ein Ort, wie es einst viele gab, die aber im Verschwinden begriffen sind, weil das Geld plötzlich alles verändert, weil die Alten aussterben, und die Jungen nur noch wie Unternehmer reden und denken. Die Kinder kommen zusammen, um dem Vater beizustehen, um zu besprechen, was mit dem Erbe geschehen soll.

Aufgesetzte Harmonie ist noch nie Guédiguians Sache gewesen, er erzählt von Vorwürfen fürs Sich-rar-machen, von geschwisterlichem Neid und von Tränen, die sich über 20 Jahre lang angestaut haben. Ruhig entblättert er seine Geschichte vom Verlust eines Kindes und vom Wunsch, wonach sich doch bitte nicht immerzu alles ändern muß. Guédiguian macht keinen Hehl daraus, was er von der Moderne hält, in der alles gleichgemacht wird, die Alten die Häuser verkaufen müssen, die Reichen sich auf ihren Jachten verschanzen, um potentielle Immobilienbeute auszumachen.

Das Familienrestaurant taugt dabei als großartiger Anachronismus zur Blödheit unserer Zeit, lebt es doch seinen Namen „Le Mange Tout“ als einen Ort, der sein Versprechen hält, in dem man hier immer gutes Essen für Leute mit wenig Geld offerierte. Heute zahlt man zu oft viel Geld für seelenlosen Fraß. Es gelingt dem Filmemacher auf kluge, mal leidenschaftliche, mal dezente Weise, den Geschwistern markantes Personal zur Seite zu stellen – da wären der noch recht junge Fischer, der seit Jahren schwer verliebt in Angèle ist und deren sämtliche Rollen zitieren kann, oder eben die sprachlosen Flüchtlingskinder, die im Haus versteckt werden.

Guédiguian mag nostalgisch sein, mit dieser Sehnsuchtsballade nach einem vielleicht doch lebenswerteren Gestern ist er dennoch nicht blind für das Jetzt. Und weil dieses Jetzt eben so ist, wie es ist, erzählt er über seine Figuren von hoffnungsvollen Tugenden, die doch sehr viel mit Solidarität und Teilen zu tun haben.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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