Originaltitel: TLMOCNÍK

Slowakische Republik/Tschechische Republik/Österreich 2018, 113 min
Verleih: Film Kino Text

Genre: Drama, Schicksal

Darsteller: Peter Simonischek, Jirí Menzel

Regie: Martin Šulík

Kinostart: 22.11.18

Der Dolmetscher

Späte Erkenntnis

Das sind die Momente, in denen das Unvorstellbare sichtbar wird: Der pensionierte Lehrer Georg Graubner hält ein Foto in der Hand, auf dem sein Vater in Uniform zu sehen ist, daneben ein Leichenberg. Der sonst so Lebenslustige erstarrt innerlich, hatte er doch bisher die Nazi-Vergangenheit seines Vaters verdrängt. Bis der 80jährige Ali Ungár Graubner in seiner Heimatstadt Wien aufsucht, um den Mörder seiner Eltern zu finden.

Indem er die Kinder von Opfern und Tätern aufeinandertreffen läßt, schafft der slowakische Regisseur Martin Sˇulík eine Bühne für den Schmerz, der das Zeug hat, jede Gesellschaft in ihren Grundfesten zu erschüttern. Auch Ali hat einen Revolver im Gepäck, bereit zu töten, wie er später sagt. Doch weil der Alte längst gestorben ist, bleiben Dinge ungetan und Fragen unbeantwortet. Die Wunde ist aber nun aufgerissen, und so engagiert Graubner Ungár als Dolmetscher, und in einem knallroten Auto düsen sie über die Grenze in Richtung Skowakei, den Ort des Geschehens.

Graubner aber fällt es schwer, sich auf den Ernst der Lage einzustellen. Peter Simonischek, der in TONI ERDMANN großartig den schrulligen Vater spielte, mimt hier überzeugend den Lebemann von heute, großkotzig und draufgängerisch. Er hat nur Augen für die jungen Damen an der Hotelbar, während Ungár klischeehaft das Opfer verkörpert: korrekt, ordentlich und treu.

Zu viel Zeit vergeudet Sˇulík damit, die zum Teil unangenehmen Gebaren dieses alten Mannes und seine gepflegte Nazi-Sohn-Fassade zu bebildern. Die großen Fragen der geschichtlichen Aufarbeitung kommen dafür zu kurz. „Ich fühle mich nicht schuldig für etwas, was ich nicht getan habe“, sagt Graubner. Das ist nachvollziehbar, schrammt aber selbst 73 Jahre nach Kriegsende an der Realität vorbei, in der nur frei von Abhängigkeiten sein kann, wer sich dem Undenkbaren stellt.

Wie gehen wir mit etwas um, was wir selbst nicht getan haben, und dem wir uns trotzdem nicht entziehen können? Sˇulík stellt diese wichtige Frage, gibt aber mit seinen teils gestelzten Dialogen und einer vorhersehbaren Erzählweise zu wenig Denkanstöße. „Ist der Sohn eines Mörders besser dran als der Sohn eines Opfers?“, fragt Graubner selbstgerecht. Ganz am Ende aber verursachen die Bilder der Vergangenheit in Graubners Schutzwall doch erste tiefe Risse. Besser spät als nie – gerade in Zeiten wie diesen.

[ Claudia Euen ]

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