Originaltitel: KIMI-TACHI WA DO IKIRU KA

J 2023, 124 min
FSK 12
Verleih: Wild Bunch

Genre: Anime, Drama, Fantasy

Regie: Hayao Miyazaki

Kinostart: 04.01.24

2 Bewertungen

Der Junge und der Reiher

Abschiedskonzert mit großem Orchester

Es gibt Sätze, die sich trotz relativer Kürze und nüchternen Vortrags unglaublich strecken, zwischen Herz und Verstand grätschen, beide in eisernen Griff nehmen. Hier ist so einer: „Im dritten Jahr des Krieges starb meine Mutter.“ Spricht Mahito, elf Jahre jung. Kommt in ein Herrenhaus, gelenkt von Vaters neuer Frau. Wo er auf einen Reiher trifft, der fürchterlich große Zähne hat, sich auch sonst seltsam gebärdet, ehe er Mahito in eine andere Welt dirigiert. Diese ein Ort voller Magieknistern und Schreckenshall, dort wandeln Verstorbene, ersehnen menschenfressende Sittiche ihr Mahl, begegnet der Knabe seiner Mama im Kindesalter, wird ständig bedroht.

Überhaupt ist dies eine Erzählung vom Tod. Aus Sicht des Lebens indes, schließlich entstammt sie der Feder Hayao Miyazakis, ein Finalwerk sicherlich, eine Elegie aufs eigene Vergehen, ein Vermächtnis ebenfalls. Bei aller erwartungsgemäßen visuellen Pracht dunkel dräuend, viel weniger unterhaltsam als beispielsweise CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND, nicht so zugänglich wie etwa DAS SCHLOSS IM HIMMEL. Miyazaki will weit höher hinaus, implementiert komplexere Querverweise, verlegt immer wieder in die Realität reichende Schienen – und sei es ein Plumpsklo mitten im Zauberreich. Drum herum dienen ungeborene Seelen vermeintlich bösen Pelikanen zur Nahrung, doch natürlich verkehrt der Meister des philosophischen Exkurses schnöde Vereinfachung, existiert keine bloß eine Seite spiegelnde Wahrheit.

Da läuft beim Zuschauen, Erspüren, Reingezogenwerden teils schon der Kopf über, nach üppig ausgestattetem Prolog deutlich sparsamer dosierte Emotionalität verstärkt’s. Die ausdrückliche und erholungspausenlose Einladung, gar Mahnung, Antworten auf unablässig aufgeworfene Fragen zu suchen, gerät fast zur sperrigen Anstrengung. Weil Miyazaki feuert und vollstopft, bohrt und nachhakt, ohne jede leitende Richtung, er läßt uns komplett freie Hand, totale Entscheidungsgewalt. Toll, nur … Sind wir generell noch dazu befähigt, ein derart kostbares Geschenk zu empfangen, es zu würdigen, sorgsam zu behandeln und korrekt einzusetzen? Wollen wir solche Verantwortung überhaupt? Oder soll’s lieber die omnipräsente anerkannte Meinung sein, das Vorgekaute, die etwaigen Aufwand wundervoll leicht wegwischende Befreiung vom individuellen Denken?

Miyazakis letzter Film: vertraut und fremd zugleich. Ein Paukenschlag außerdem.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...