Originaltitel: TOIVON TUOLLA PUOLEN

Finnland 2016, 98 min
FSK 6
Verleih: Pandora

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Sherwan Haji, Sakari Kuosmanen, Ilkka Koivula

Regie: Aki Kaurismäki

Kinostart: 30.03.17

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Die andere Seite der Hoffnung

Odysseus in Finnland

So erzählt nur Aki Kaurismäki vom Ende einer langen Ehe: Wikström, ein grauer, schwerfälliger Herr, den wir gerade zum ersten Mal gesehen haben, legt der Frau seinen Schlüsselbund auf den Tisch. Dann zieht er seinen Ehering vom Finger und erhöht den Einsatz. Wir sehen die zwei Gegenstände neben einem Aschenbecher voller Kippen liegen – und die Hand der Frau, die den Ring in den Aschenbecher befördert. Ohne ein Wort, und trotzdem ist alles gesagt.

Ein Leben liegt hinter Wikström, und er beginnt ein neues, wie DER MANN OHNE VERGANGENHEIT. Die Zeiten sind mal wieder schlecht, selbst für Vertreter von Männerhemden. Stattdessen ein Restaurant in einem toten Viertel von Helsinki zu übernehmen, klingt nicht gerade vielversprechend. Aber in WOLKEN ZIEHEN VORÜBER hat es ja auch geklappt. Das Restaurant, das Wikström mit gezocktem Geld kauft, ist blau und rot gestrichen, eine Farbgestaltung wie in LICHTER DER GROSSSTADT. Das dazugehörige Personal hat inzwischen buchstäblich Spinnweben angesetzt. Serviert wird alter Fisch aus der Konserve. Muß man erwähnen, daß Wikström einen Oldtimer fährt, Vintage-Anzüge trägt und einen 50 Jahre alten Wecker hat? Alle halten tapfer die Illusion von etwas aufrecht, was längst nicht mehr existiert.

Zur gleichen Zeit landet der Flüchtling Khaled kohlenschwarz in Helsinki: als blinder Passager auf einem Kohlefrachter. Später wird er aufrichtige Dinge sagen wie: „Ich mag Finnland, aber bitte, bring’ mich hier raus!“ Khaled darf, auf Arabisch, ein bißchen mehr sagen als alle anderen. Kaurismäki gönnt ihm eine Geschichte, eine Vergangenheit. Zu der gehört, daß er unterwegs seine Schwester verloren und sie in ganz Osteuropa gesucht hat. Mit wenigen Strichen macht Kauresmäki ihn zu einer Art Odysseus, wendet das Aktuelle ins Zeitlose.

Auf der Flucht landet Khaled in Wikströms Restaurant. Doch Kaurismäkis Solidarität der Außenseiter erscheint dieses Mal gedämpft, weniger hoffnungsvoll als in LE HAVRE, wo die Gemeinde sich zur Rettung eines Emigrantenjungen vereint. Es geht herzlich, aber hart zu. Mimisch stehen sich Wikström und Khaled in nichts nach. Was man nicht sieht, hört man, wenn Khaled zur Laute greift und ein herzzerreißendes Stück spielt. Überhaupt, die Musik. Ein Chor abgehalfterter Rock- und Folkbarden kommentiert die lose verknüpfte Doppelhandlung. Die andere Seite der Hoffnung könnte die Sehnsucht sein. Oder der Hades.

[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...

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