D 2000, 96 min
Verleih: Prokino

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Janek Rieke, Thomas Schmauser, Renate Krößner

Stab:
Regie: Jobst Oetzmann
Drehbuch: Jobst Oetzmann

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Die Einsamkeit der Krokodile

Anderssein in Ostwestfalen - eine Tragikomödie

Mit Gus van Sants gutem Will Hunting und seinem im gleichen Fahrwasser hinterher gepaddelten Literatur-Basketball-Crack aus FORRESTER - GEFUNDEN! scheint das Kino zur Kultstätte jugendlicher Genies geworden zu sein. Jobst Oetzmann zeigt in seiner Außenseiterfabel, daß auch der deutsche Boden ein guter Boden für ganz besondere Menschenkinder ist. Und da man Genialität hierzulande mit weit weniger Emphase und gutgelaunter Bewunderung gegenübertritt, ist das Ergebnis fast zwangsläufig tragikomisch, schon weil Oetzmann seinen sonderbaren Helden Günther in der ostwestfälischen Provinz das Licht der Welt erblicken läßt.

Der Sproß eines Fleischers ist ein guter Junge, ein As in der Schule, spielt Geige, liest dicke Bücher, macht Abitur, studiert und läßt sich nicht von Freunden oder irgendwelchen Mädchen ablenken. Doch Günthers vielversprechender Intellekt schlägt wundersame Haken: nach dem glühenden Vortrag eines Lautgedichts vor der Kirchengemeinde, einem leidenschaftlich formulierten Manifest für die unantastbare Würde des Schweins und einer wissenschaftlichen Arbeit über den Vergleich der Karl-Mayschen Apachen mit Platons Ideen vom Staatswesen wird er in eine Anstalt überwiesen. Bald nach seiner Entlassung stirbt er.

Prinzipiell eine tolle Geschichte, doch wie so oft hat die Medaille gleich mehrere Kehrseiten. Die erste ist Thomas Schmauser, der seinen Günther mit gigantischen Gesten und lautem Deklamieren irgendwo zwischen Schwejk- und Hamlet-Karrikatur liegen läßt und damit den herrlich stoischen Habitus der anderen Figuren komplett unterläuft. Von solch überschwänglichem Kunstwollen kündet auch Oetzmanns Bildersprache, in der alles, was halbwegs nach "skurril" aussieht, brachial zum Einsatz kommt. Zudem erfährt man von dieser Sonderlings-Biographie leider nur aus zweiter Hand, nämlich durch Elias, einen Journalisten und weitläufigen Cousin der Hauptfigur, der in einem behäbigen Gegenwarts-Plot Günthers Tod untersucht.

[ Sylvia Görke ]

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