Originaltitel: THE PERFECT CANDIDATE

Saudi-Arabien/D 2019, 101 min
FSK 0
Verleih: Neue Visionen

Genre: Drama

Darsteller: Mila Alzahrani, Dae Al Hilali, Nora Al Awadh, Khalid Abdulrhim

Regie: Haifaa Al Mansour

Kinostart: 12.03.20

1 Bewertung

Die perfekte Kandidatin

Mit Mut, Köpfchen und Smartphone

Autofahren, allein verreisen, für ein politisches Amt kandidieren, Filme drehen … All diese Tätigkeiten, die europäischen Frauen (mittlerweile) selbstverständlich scheinen, sind für Frauen in Saudi-Arabien mit beträchtlichen Hürden verbunden. So dürfen sie erst seit 2018 selbst hinterm Steuer sitzen. Wollen sie verreisen, brauchen sie nach wie vor die Erlaubnis ihres männlichen Vormunds. Politische Ämter sind in einer absoluten Monarchie ohnehin rar, aber zumindest auf kommunaler Ebene gibt es Gemeinderäte, für die seit wenigen Jahren auch Frauen kandidieren dürfen. Und Filme drehen? Ist Frauen nicht explizit untersagt, aber in einem Land, in dem Kinos rund 35 Jahre lang verboten waren, gibt es schlichtweg nur eine rudimentäre Filmszene. 

Umso erstaunlicher war 2012 das Auftauchen Haifaa al Mansours auf der internationalen Filmbühne. Ihr Langfilmdebüt DAS MÄDCHEN WADJDA war der erste komplett in Saudi-Arabien gedrehte Kinofilm; eine schön erzählte Geschichte von einem gewitzten Mädchen, das den religiösen Autoritäten zum Trotz sich den Traum von einem eigenen Fahrrad erfüllt. Mit ihrem neuen Werk DIE PERFEKTE KANDIDATIN kehrt die Regisseurin nun in ihr Heimatland und zu ihren thematischen Wurzeln zurück. War Wadjda noch nicht einmal das Radfahren erlaubt, steuert die junge Ärztin Maryam inzwischen ganz selbstverständlich ihren Wagen durch die Straßen einer Provinzstadt zu ihrer Arbeitsstätte. Allerdings macht eine bucklige Schlammpiste die letzten Meter vor der Notaufnahme der Klinik zu einem schwer zu überwindenden Hindernis für Patienten und Personal. 

Im Krankenhaus muß die resolute Maryam immer wieder aufs Neue um den Respekt von Patienten und Kollegen kämpfen, für die eine Ärztin schlichtweg eine Irritation darstellt. Es ist einer Verkettung von widrigen Umständen und Zufällen geschuldet, daß sie schließlich spontan für die anstehenden Wahlen zum Gemeinderat kandidiert. Zusammen mit ihren zwei patenten Schwestern sowie mit Mut, Köpfchen und Smartphone startet Maryam ihre Kampagne gegen alle patriarchalen Widerstände.

Al Mansour erzählt auf klassische Weise eine charmante David-gegen-Goliath-Geschichte. Ihr sorgfältig fotografierter Film lebt vor allem von seinem hervorragenden Darstellerensemble und den differenzierten Einblicken in eine Gesellschaft, von der man hierzulande kaum mehr kennt als Nachrichtenschlagzeilen. Besonders faszinieren die Tag-und-Nacht-Unterschiede zwischen privatem und öffentlichem Leben. Gehen die Frauen nur verhüllt auf die Straße, lassen sie bei familiären Feierlichkeiten umso mehr die Garderoben glänzen und die Zurückhaltung fahren. 

Die wohl interessanteste Figur des Filmes ist aber gar nicht mal die sich zur selbstbewußten Kandidatin mausernde Maryam, sondern ihr sanfter, melancholischer Vater Abdulaziz. Seine Geschichte wird in einer Parallelhandlung geschildert. Als Musiker litt er sein Leben lang unter dem religiös begründeten Verbot öffentlicher Konzerte. Nun bekommt er im fortgeschrittenen Alter erstmals die Chance, auf einer Tournee seine Kunst einem größeren Publikum vorzuführen. Es geht einem förmlich das Herz auf, wenn sich die Kombo älterer Herren auf der Bühne mächtig ins Zeug legt – allen Anschlagsdrohungen zum Trotz. Und es wird deutlich, daß sich nicht nur die Frauen Saudi-Arabiens nach mehr Freiheit sehnen.

[ Dörthe Gromes ]

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