Originaltitel: SHAVUA VE YOM

Israel 2016, 98 min
FSK 6
Verleih: Temperclay

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Shai Avivi, Evgenia Dodina, Tomer Kapon

Regie: Asaph Polonsky

Kinostart: 11.05.17

1 Bewertung

Ein Tag wie kein anderer

Trauerarbeit zwischen Ritual und Cannabis

Für den Umgang mit dem Tod eines geliebten Menschen gibt es im Judentum einen genau aufgeschlüsselten Trauerprozeß in fünf Phasen. Deren erste (Aninut) ist die unmittelbare Klagezeit nach dem Sterben und reicht bis zur Beerdigung. Gleich nach dieser setzt die Schiwa ein, eine siebentägige Periode, die, inklusive ritueller Anforderungen, dem Trauernden eine Auszeit von seiner oft zwingenden Lebensroutine ermöglicht, um sich ganz dem Gedenken an den Verstorbenen widmen zu können.

In Asaph Polonskys EIN TAG WIE KEIN ANDERER heißen die Trauernden Eyal und Vicky, deren Sohn mit 25 Jahren einem Krebsleiden erlag. Für den Schmerz, den das mit sich bringt, sind dann indes auch die altbewährtesten rituellen Überlieferungen nur bedingt hilfreich.

Unmittelbar nach dem Ende der Schiwa setzt die Handlung von EIN TAG WIE KEIN ANDERER ein. Vicky ist da (scheinbar) ganz die Gefaßte, das Leben weiterzuleben, ist ihre Art, die Verzweiflung zu zähmen. Anders Eyal. Bärbeißig, dünnhäutig und erklärtermaßen (noch) nicht bereit für irgendein Weitermachen im Trott irgendeines Alltags. Das üppige Päckchen Cannabis, das er aus dem Hospiz-Zimmer seines Sohnes klaut, hilft ihm dabei ebenso wie Zooler, der junge, leicht chaotische Typ von nebenan, mit dem Eyal sich anfreundet, und mit dem er bald jenen Tag erleben soll, der diesem Film seinen Titel gibt.

Ein Film, der einmal mehr die heikle Gratwanderung der Tragikomödie versucht. Und dabei gleichteilig zwischen Gelungenem und Mißglücktem hin- und herschwankt. Um mit Letzterem zu beginnen: Rein formal erzählt Polonsky auf eine Art, die man nüchtern nennen könnte, die aber vor allem uninspiriert ist. Die Kamera steht halt immer irgendwo, die Schnitte ziehen diesbezüglich mit, und auf die Tonspur gekleisterte Poprocksongs tun das ihre für den weitteiligen Eindruck inszenatorischer Bescheidenheit.

Bezüglich Figurenzeichnung und Darstellern sieht das schon anders aus. Die Lakonie, hinter der sich der schwindelerregende Schmerz verschanzt, der auch grimmige Humor und die gern ins Absurde schlingernden Situationen entfalten ihr emotionales Potential in einer wohltuenden Unaufdringlichkeit. Da hat EIN TAG WIE KEIN ANDERER seine fraglos starken, ergreifenden Momente, die sich, in aller Bitterkeit, zugleich zu einer grundlegenden Lebensbejahung bekennen.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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