Originaltitel: JUSTE LA FIN DU MONDE

Kanada/F 2016, 97 min
FSK 12
Verleih: Weltkino

Genre: Drama

Darsteller: Marion Cotillard, Vincent Cassel, Gaspard Ulliel, Nathalie Baye, Léa Seydoux

Regie: Xavier Dolan

Kinostart: 29.12.16

2 Bewertungen

Einfach das Ende der Welt

Wir müssen schreien!

Daß der passionierte Einer-Kanadier Xavier Dolan bald mit einem internationalen Edel-Ensemble arbeiten würde, galt als gesetzt. Zunächst blieb er dafür noch dem französischen Sprachraum treu, schon die nächste, abgedrehte Produktion bemächtigt sich des US-amerikanischen. Dolans Renommee ist schlichtweg ungebrochen, der Gewinn des Großen Jurypreises in Cannes 2016 hat es deutlich manifestiert.

Und doch ist EINFACH DAS ENDE DER WELT einfach das Ende des Irrglaubens, dem 27jährigen Dolan gelänge automatisch alles, und sei es noch die letzte anstrengende Theateradaption. Der jetzt siebte Film bietet all seine handwerklichen Finessen und zeigt dennoch ungewohnte Schwächen. Mag sein, es liegt wirklich an der Vorlage des Bühnenstücks von Jean-Luc Lagarce, mit der Dolan, wie er sagt, nach Erstkontakt noch schwer gefremdelt hätte.

Wieder eine Heimkehr im Kino! Louis sitzt im Flugzeug und sinniert übers Weggehen und Zurückkehren. Seit zwölf Jahren hat der junge, kranke Schriftsteller seine Verwandten nicht gesehen, jetzt, da er sich auf den Weg macht, könnte es das letzte Mal sein. Daraus macht EINFACH DAS ENDE DER WELT zeitig kein Geheimnis. Andere Antworten verharren in der Schwebe und im Vagen.

Unmittelbar nachdem Louis die Kleinstadtschwelle des Hauses übertritt, wo noch Mutter und Schwester leben, und Bruder mit Schwägerin für diesen Nachmittag zu Gast sind, wird aus einer Sippe mit Erwachsenen ein Hort pubertären Gebarens. Wir müssen reden? Nein, wir müssen schreien! Nachgerade gehetzt entladen sich Vorwürfe, Scheinheiligkeiten, Charakterzüge, Mißverständnisse, Sehnsüchte und Enttäuschungen. Ein Katalog der Siedepunkte! Louis, der nur die Wahrheit über sich sagen wollte, ist noch der Stillste dabei, Schwester Suzanne jene, die mit Louis’ Abwesenheit augenscheinlich am meisten zu kämpfen hatte, während der älteste Bruder Antoine als zischender Zynismusvulkan brodelt und Catherine als dessen verhuschte Gattin kaum vom Abstellgleis kommt. Die Mutter? Eine völlig überdrehte Frau und Zumutung!

Etwas Ruhe und sofort echte Stärke atmet das Drama als Dilemma nur dann, wenn sich Louis in Einzelgespräche zurückzieht. Hier wie dort machen einige der kaum ausgeleuchteten Gesichter in klaustrophobischen Raum-Szenarien regelrecht Angst. Anderes, zu vieles, ist einfach nur enervierend.

[ Andreas Körner ]

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