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El sistema

Über eine musikalische Weltverbesserung

Ein Dokumentarfilm, der sich die Freiheit gestattet, jede kritische Distanz aufzugeben, der sich so offen der Idee anschließt, von der er berichtet, ist selten, und noch seltener ist es, daß man diese Haltung als Zuschauer so unbedingt nachvollziehen kann. Paul Smaczny und Maria Stodtmeier bringen nun einen solchen Film ins Kino, und mit diesem künden sie von einer Realität gewordenen Vision: 1975 rief der Dirigent, Komponist und Ökonom José Antonio Abreu in Venezuela ein Orchester mit zwölf Kindern aus den Barrios von Caracas ins Leben. Hinter der Gründung stand die Idee, die Jüngsten der Gesellschaft wegzuholen von der Straße, wo Bandenkriege und Drogenmißbrauch zum Alltag gehören, und ihnen eine Alternative zu bieten, die auf das Potential der Musik setzt und einen Weg aus dem Kreislauf der Armut weisen kann.

In den mehr als 30 Jahren, die seitdem vergangen sind, ist ein Netzwerk von Musikschulen und Kinder- und Jugendorchestern entstanden und bis in entlegene Landesteile vorgedrungen. In 270 Musikzentren lernen heute über 300000 Kinder ein Instrument zu spielen, und El sistema, so die Kurzbezeichnung dieser weiter wachsenden Bewegung, ist eine Art Nationalsymbol Venezuelas geworden, eines, das die Kraft der Musik bezeugt und ihr Wirken dahin, ein ganzes Land zu verändern.

Wahrlich mitreißend ist es, den Filmemachern dabei zuzusehen, wie sie selbst in dieses lebendige System eintauchen, wie sie von seiner Entstehung berichten und sein Wirken von den zentralen Schauplätzen der Musikzentren und Konzertsäle bis an den Rand der Städte und in die engen Gassen der Barrios verfolgen. Entstanden ist das vibrierende Porträt eines dynamischen Ganzen, sinnstiftend für eine Mehrheit und getragen vom Ideenreichtum und der Kreativität, vom Enthusiasmus und von der Hoffnung jedes Einzelnen. Musik ist dabei nicht nur zu hören, die Kamera findet sie auch eingeschrieben in Mimik und Gestik; in den Gesichtern der Kleinsten etwa, die mit Pappinstrumenten ihre Ausbildung beginnen oder im Körperausdruck eines Mädchens, das sich im Dirigieren eines imaginären Orchesters übt. Die subtile und dabei genaue Beobachtung aus dem Alltag ergänzen Konzertmitschnitte sowie zahlreiche Interviews, unter anderem mit José Antonio Abreu selbst.

Wie ungezwungen und selbstbewußt sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene zur Anwesenheit der Kamera verhalten, möchte man hier zu den Erfolgen einer revolutionären Idee zählen. Dieser und ihrem Wegbereiter wurde ein begeistertes und begeisterndes filmisches Denkmal geschenkt.

D 2008, 100 min
FSK 6
Verleih: Novapool

Genre: Dokumentation

Regie: Paul Smaczny, Maria Stodtmeier

Kinostart: 04.06.09

[ Jane Wegewitz ] Für Jane ist das Kino ein Ort der Ideen, ein Haus der Filmkunst, die in „Licht-Schrift“ von solchen schreibt. Früh lehrten sie dies Arbeiten von Georges Méliès, Friedrich W. Murnau, Marcel Duchamp und Man Ray, Henri-Georges Clouzot, Jean-Luc Godard, Sidney Lumet, Andrei A. Tarkowski, Ingmar Bergman, Sergio Leone, Rainer W. Fassbinder, Margarethe v. Trotta, Aki Kaurismäki und Helke Misselwitz. Letzte nachhaltige Kinoerlebnisse verdankt Jane Gus Van Sant, Jim Jarmusch, Jeff Nichols, Ulrich Seidl, James Benning, Béla Tarr, Volker Koepp, Hubert Sauper, Nikolaus Geyrhalter, Thierry Michel, Christian Petzold und Kim Ki-duk.

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