D 2009, 91 min
Verleih: Neue Visionen

Genre: Dokumentation

Darsteller: Blixa Bargeld, Alexander Hacke, F.M. Einheit

Regie: Uli M. Schueppel

Kinostart: 04.06.09

1 Bewertung

Elektrokohle (von wegen)

Erinnerung an ein Interim

Uli M. Schueppel ist bereits seit einigen Jahren als Spurensucher vor allem auf den ihm vertrauten Straßen Berlins unterwegs und nun, im Jahr der Jubelfeiern, blickt auch er sicher nicht zufällig noch einmal zwanzig Jahre zurück. Aus seinem Archiv fördert er Material von einem außergewöhnlichen Ereignis zu Tage: Am 21. Dezember 1989 ist der mit den Musikern der Einstürzenden Neubauten befreundete Filmemacher (1987 schon entstand der gemeinsame Film NIHIL ODER ALLE ZEIT DER WELT) dabei, als diese zu ihrem ersten Konzert jenseits der Mauer aufbrechen. Vom Berliner Westen aus kommend, sind noch Paßkontrollen und Zollformalitäten an den Grenzpunkten zu absolvieren, und im Osten braucht es eine Straßenkarte, um zum Konzertort in Lichtenberg zu finden.

Dort, im Wilhelm-Pieck-Saal des VEB Elektrokohle, filmt Schueppel dann bei der Pressekonferenz und beim Soundcheck, natürlich gibt’s Backstage-Impressionen und schließlich Aufnahmen vom fiebrigsten Moment des Abends, als die Westavantgarde erstmals auf Ostpublikum trifft. Einige von den damals anwesenden Fans schickt der Filmemacher heute noch einmal auf die Reise zum damaligen Konzertort, und auf den Wegen nach ihren Erinnerungen befragt, werden Bruchstücke jener Zeit wieder lebendig. Einer etwa berichtet von seiner Flucht aus der Kaserne, andere erzählen von den Verbreitungswegen in der DDR verbotener Musik, von hochgeschätzten LPs und davon, daß man es für unmöglich gehalten hatte, die Band einmal live zu erleben. Die Kamera begleitet die Protagonisten dabei in U- und S-Bahn, durch Tunnel und über Brücken, durch bekannte Straßen und über verändertes Gelände, das die früheren Wege verheimlicht.

Von Schueppel erwartet man sicher keine erzählerische Stringenz, wohl aber einen inneren Zusammenhalt, der sich zumeist über die Bilder und über sein Thema herstellt. Diesmal ist es schwieriger, einem solchen Ganzen nachzuspüren. Das Archivmaterial etwa ist ungleich fesselnder, wirkt viel weniger zufällig, weniger fragmentarisch als die aktuell gedrehten Szenen, in denen das sich verändernde Stadtbild zum ermüdenden Topos wird und die Erinnerungen an eine spannende Umbruchzeit etwas Beiläufiges, vielleicht auch uneingestanden sehr Privates haben. Auch wenn er mit dem Beginn des damaligen Konzerts eigentlich schon endet, vor allem Fans der Einstürzenden Neubauten werden den Film dennoch goutieren.

[ Jane Wegewitz ] Für Jane ist das Kino ein Ort der Ideen, ein Haus der Filmkunst, die in „Licht-Schrift“ von solchen schreibt. Früh lehrten sie dies Arbeiten von Georges Méliès, Friedrich W. Murnau, Marcel Duchamp und Man Ray, Henri-Georges Clouzot, Jean-Luc Godard, Sidney Lumet, Andrei A. Tarkowski, Ingmar Bergman, Sergio Leone, Rainer W. Fassbinder, Margarethe v. Trotta, Aki Kaurismäki und Helke Misselwitz. Letzte nachhaltige Kinoerlebnisse verdankt Jane Gus Van Sant, Jim Jarmusch, Jeff Nichols, Ulrich Seidl, James Benning, Béla Tarr, Volker Koepp, Hubert Sauper, Nikolaus Geyrhalter, Thierry Michel, Christian Petzold und Kim Ki-duk.

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