Österreich/Luxemburg/D 2011, 100 min
FSK 12
Verleih: Real Fiction

Genre: Dokumentation

Regie: Paul Poet

Kinostart: 28.06.12

2 Bewertungen

Empire Me

Probier es doch wenigstens!

Wer will heute zum Beispiel noch König von Deutschland sein? Keiner! Dann schon lieber gleich einen neuen Staat gründen. Und wie das geht, zeigt der österreichische Dokumentarfilmemacher Paul Poet exemplarisch an sechs unabhängigen Mikronationen. Science-Fiction-Autor Edwin Strauss gibt das Intro: „Je größer Du bist, desto verwundbarer wirst Du!“ – selbstgemachte Utopien sind die schlüssige Antwort darauf.

Poet beginnt mit dem Besuch eines Klassikers, dem Fürstentum „Sealand“, gegründet von Paddy Roy Bates. Auf der ehemaligen britischen Maunsell-Seefestung vor Suffolk rief er 1967 seinen Staat aus, eigentlich, um dort einen Piratensender zu betreiben. Heute ist die monströse Festung aus Rost eher ein Symbol der Freiheit denn ein Staat. Anders „Hutt River“, 75 Quadratkilometer Unabhängigkeit von Australien, das sich vor Anfragen auf Staatsangehörigkeit kaum retten kann. Oder „Damanhur“, das „esoterische Disneyland“ in Piemont, Italien. Beide Gemeinschaften leben von archaisch anmutenden Traditionen, Hierarchien und schwelgen in beabsichtigten Anachronismen. In „Hutt River“ gibt es Orden, Gefährten und Ritterschläge, ausgeführt von einem guten, aber diktatorischen Herrscher. In Italien herrscht das Multidimensionale, ein astrales Imperium und Falco, der Führer. Man musiziert gemeinsam mit Pflanzen und arbeitet konzentriert an seiner inneren Göttlichkeit.

Die Regie ironisiert das nicht, vielmehr kommentiert Poet in philosophisch-poetischen Worten und in ebensolchen Bildern die Suche der Menschen nach dem richtigen Leben in der Gemeinschaft. Seine Sympathie ist mit denen, die es wenigstens ausprobieren, sich der Unabhängigkeit von bestehenden Systemen zu nähern.

Seine Recherche führt ihn auch auf ein Gelände in Belzig, das „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung.“ Als „Lernfeld“ steht das Bewußtsein der Liebe auf dem Programm. Es wird gestreichelt, massiert, sich geöffnet.

„Christiania“ in Kopenhagen macht vor allem immer wieder Schlagzeilen wegen angeblich ausufernder Straßenkämpfe. Man stilisiert die harmlose Gegenkultur gern medial zum Hort des Aufruhrs. Denn was könnte man dort nicht für schöne Luxus-apartments in dieser sündteuren Stadt errichten, wenn es nicht diese Hippies, Punks und Kiffer gäbe. Am Ende der Reise steuern wir mit den schwimmenden Städten Venedig entgegen, erbaut aus den Resten der Zivilisation treiben sie wie Trophäen dahin – „Wir haben keine Regeln für Kunst“, sagt der Hafeninspektor und läßt die Flöße in See stechen. Perfekt!

[ Susanne Schulz ]

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