Originaltitel: ENEMY

Kanada/Spanien 2013, 90 min
FSK 12
Verleih: Capelight

Genre: Thriller, Literaturverfilmung

Darsteller: Jake Gyllenhal, Melanie Laurent, Sarah Gadon

Stab:
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Denis Villeneuve

Kinostart: 22.05.14

10 Bewertungen

Enemy

Originelles Genrestück einer disharmonischen Koexistenz

Der Mensch gibt viel auf seine Einzigartigkeit. Da wäre zum einen unsere Einzigartigkeit im allgemeinen, im All und auf diesem Planeten als Krone der Schöpfung. Aber auch als Individuen ist für uns die Annahme, einzigartig zu sein, elementar für unser Selbstverständnis. Die Vorstellung, daß irgendwo auf der Welt ein Wesen existiert, das identisch mit uns ist, löst neben einer gewissen Faszination vor allem eins in uns aus: Angst. Naheliegend also, daß Denis Villeneuve seinen neuen Film über einen Mann, der durch Zufall seinen Doppelgänger entdeckt und ihm nachsteigt, als düsteren Psychothriller inszeniert. Der kanadische Regisseur adaptierte für den Nachfolger seines Erfolgs PRISONERS den Roman „Der Doppelgänger“ des portugiesischen Autors José Saramago und spielt erschütternd lustvoll mit der Furcht in uns allen, weder besonders noch unersetzbar zu sein.

Jake Gyllenhal verkörpert den Geschichtsdozenten Adam Bell, der ein eintöniges, tristes Dasein zwischen neonbeleuchtetem Hörsaal und seinem dunklen, kargen Apartment fristet. Selbst der Sex mit seiner attraktiven blonden Freundin Mary wirkt wie eine Dauerschleife aus unbefriedigenden Missionarsstellungen. Ausgerechnet ein Film wird Adams Leben verändern. Kein Meilenstein der Filmgeschichte, nur die Empfehlung eines geschwätzigen Kollegen beim Fakultäts-Smalltalk. In besagtem, lokal gedrehtem Drama entdeckt Adam einen Statisten, der ihm bis aufs Haar zu gleichen scheint. Adam recherchiert im Internet und findet die Identität des Gelegenheitsdarstellers heraus. Der ruhelose Akademiker will seinen Lookalike unbedingt treffen und vernachlässigt dafür nach und nach sein altes Leben. Dabei unterschätzt Adam völlig die weitreichenden Konsequenzen einer Begegnung mit seinem Doppelgänger für beider Leben.

Der im Vergleich zum Roman geänderte Titel wurde nicht ohne Grund gewählt. Denn wo Adam einen Seelenverwandten oder vielleicht auch einfach nur eine temporäre Abwechslung zu seinem eintönigen Leben sucht, findet er einen ihm ganz und gar nicht wohlgesonnenen, undurchschaubaren Charakter. Bei der ohne Krawalleffekte geschilderten und dennoch höllisch spannenden Annäherung der beiden sogar in Sachen Muttermale und Narben identischen Individuen geht der Film sogar so weit, einem vermeintlich eisernen Filmgesetz zu widersprechen, das zumindest jedem Anhänger des großen Wissenschaftlers Dr. Emmett Brown bekannt sein dürfte. Jenem nämlich, daß zwei Dinge derselben Art am selben Ort zur selben Zeit nicht existieren können, ohne das Ende allen Seins zu verursachen. Aber mögliche simultane Existenz bedeutet eben nicht automatisch harmonische Koexistenz – zum Glück für jeden gruselaffinen Zuschauer.

Villeneuve verwischt von Anfang an gekonnt die Grenzen von Bewußtem und Unbewußtem, Wirklichkeit und Traum. Das in Dauersmog getauchte Toronto, durch das sich seine Figuren bewegen, bildet als gelblicher Moloch die perfekte Kulisse für einen alptraumhaften Psychotrip, der in seinen besten Momenten an große Kinoillusionisten wie Hitchcock, Kubrick, Cronenberg und Lynch zu erinnern schafft. Wenn vielleicht auch nicht in Gänze einzigartig, so dürfte ENEMY dennoch zum Originellsten gehören, was das Genrekino in diesem Jahr zu bieten hat, und wartet zudem mit einer Schlußeinstellung auf, die wohl für eine ganze Weile ihresgleichen suchen wird.

[ Paul Salisbury ] Paul mag vor allem Filme, die von einem Genre ausgehen und bei etwas Neuem ankommen. Dabei steht er vor allem auf Gangsterfilme, Western, Satire und Thriller, gern aus der Hand von Billy Wilder, Sam Peckinpah, Steven Soderbergh, Jim Jarmusch, den Coen-Brüdern oder Paul Thomas Anderson. Zu Pauls All-Time-Favs gehören DIE GLORREICHEN SIEBEN, TAXI DRIVER, ASPHALT COWBOY, SUNSET BOULEVARD, POINT BLANK ...

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