D 2004, 93 min
Verleih: Ventura

Genre: Dokumentation, Drama

Regie: Sibylle Tiedemann

Kinostart: 10.11.05

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Estland, mon amour

Auf den Spuren eines Aussteigers

15. Oktober. Sehe den Film von Sibylle Tiedemann. Bin schon gerührt. 1996 kam ihr großer Bruder in Estland auf ungeklärte Weise ums Leben. In einem kleinen Ort an der See hat Klaus sich ein Paradies gefunden und den Tod. Tiedemann reist ihm nach. "Ich dachte, wir hätten keine Geheimnisse voreinander." Jetzt gibt es doch eins. Was hat Klaus auf seinen ausgiebigen Reisen durch das Baltikum, auf den Spuren seiner Vorfahren, gefunden? Was steht hinter seinem Tod? Hier verbinden sich Familiengeschichte und Reflexionen über das Leben mit dem Porträt einer Landschaft und ihrer Bewohner. Die Zeitebenen wechseln: Kindheit, Tiedemanns erste Reise (1996), zweite Reise (Gegenwart). Die Struktur ist gelungen, der Film eine Mischung aus Tagebuch und Essay.

Frage mich, wie ich zu der sehr persönlichen, vielleicht egozentrischen Erzählhaltung der Autorin stehen soll. Auf ihrer ersten Reise nach Estland identifiziert sie den toten Bruder und verwertet den Moment sofort mit der Kamera. "Mein erster Toter - und das Du". Vielleicht konnte sie auch nicht anders damit umgehen. Der Film ist auch ihr Abschiedsgruß. Etwas Therapeutisches hat das schon. Tiedemann spricht ihre Gedanken mit monotoner Stimme, die mich an Christa Wolf erinnert. Nicht nur die Stimme übrigens: "Auf der Suche nach einer anderen Zeit war er außer der Zeit geraten, für einen Augenblick."

Besonders schöne Augenblicke sind die alten Aufnahmen aus der Kindheit. Das Archivmaterial spielt in diesen persönlichen Geschichten ja immer eine wichtige Rolle und erfüllt stets seinen Zweck: ans Herz zu gehen. Was machen bloß die Dokumentarfilmer, die als Kind nicht von ihren Eltern gefilmt wurden? Ebenso wichtig: das kriminalistische Element. Forschen nach der Todesursache. Das wird spannend aufgebaut, auch wenn die Angehörige sich in die Idee verbeißt, daß ein Verbrechen dahinter steht. Es war wohl sein Schicksal, sagt eine Anwohnerin schlicht dazu.

Am Ende hat man einen guten Eindruck von diesem Klaus gewonnen. Ein sympathischer Aussteiger, der mehr vom Leben wollte als Karriereplanung. Was er an seinem Estland hatte, das begreift man auch. Liebenswerte Menschen und verwilderte Gärten.

[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...

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