Originaltitel: YOUTH

I/F/CH/GB 2015, 119 min
FSK 6
Verleih: Wild Bunch

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Michael Caine, Harvey Keitel, Rachel Weisz, Paul Dano, Jane Fonda

Regie: Paolo Sorrentino

Kinostart: 26.11.15

11 Bewertungen

Ewige Jugend

Mit Kinozauberern auf dem Zauberberg

Es gibt diese Orte. Wie aus der Zeit gefallen und entschwebt in alpine Höhen. Dem Himmel nahe und gebettet in eine Berglandschaft, auf der ein Licht liegt, das die Farben leuchten läßt, als wären sie und die Welt überhaupt gerade erst erschaffen wurden. Jung und schön. Und das von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Doch, doch: Man kann davon wirklich ganz besoffen werden. Von diesen Kamerablicken und wie diese schweifen, in hypnotischen, gleichwohl zielbewußten Bewegungen. Nie suchend, nie verschnörkelt oder beliebig. Dafür immer wissend, fokussiert, tief atmend. Gleich einem Kaligraphie-Meister erschafft Kameramann Luca Bigazzi seine Bilder. Nach IL DIVO, CHEYENNE – THIS MUST BE THE PLACE und LA GRANDE BELLEZZA ist EWIGE JUGEND sein inzwischen vierter Film unter der Regie Paolo Sorrentinos. Und wie die Vorgänger bettet sich auch dieser wieder in qualitativ alpine Höhen.

Die Jugend – für Fred, den Dirigenten und Komponisten, und für Mick, den Filmregisseur – liegt lange schon zurück. Sind sie doch zwei wirklich alte Freunde, die in einem luxuriösen Schweizer-Alpen-Wellness- Tempel einen Sommer zwischen Müßiggang und Schlammpackung, zwischen Tratsch über die anderen Gäste und geruhsamen Spaziergängen, zwischen ein wenig Selbst- und ein wenig Weltbetrachtung verbringen. Und während Mick zwischen alledem noch Zeit findet, an den Vorbereitungen zu seinem neuen und wohl auch letzten Film zu arbeiten, läßt Fred sogar einen Abgesandten des Buckingham Palace abblitzen. Nein, auch nicht auf den Wunsch der Queen hin wird er noch einmal vor ein Orchester treten, um seine berühmten „Simple Songs“ zu dirigieren. Was wiederum Tochter Lena, die auch die Geschäfte des Vaters führt, schier zur Verzweiflung bringt. Nicht ahnend, daß dieses rigorose Nein sehr persönliche und intime Gründe hat.

Gründe, die von Lebensbitternissen und Erschütterungen sprechen, die auch zwischen Fred und Lena noch spürbar sind. Und aufbrechen in dieser Belle-Époque-Kulisse eines Zauberberg-Hotels. Wo sich indes selbst heftigste Emotionen schnell und pflichtschuldigst wieder hin ins Kultivierte temperieren. Sich fügend auch jenem Versprechen auf Trost und Besänftigung, das hier allenthalben in der klaren Luft zu liegen scheint.

Wie zugleich wirksam und fadenscheinig dieses Versprechen ist, zeigt dieser Film, der zwischen traumwandlerischer Elegie und lakonischem Humor sein Panoptikum an Figuren in immer wieder auch surrealer Anmutung ausbreitet. Wir erleben einen traurigen Walfisch von Fußballstar oder Menschen mit Schönheitsmasken und in flauschig weißen Bademänteln auf grünen Almwiesen. Wir dürfen hören und sehen, wie Fred in glücklicher Einsamkeit eine Alpensinfonie dirigiert, oder wie ihm und Mick im Pool weit mehr als nur die aktuelle Miss Universum erscheint.

„Ich will die Sehnsucht erzählen, nicht das Grauen“, heißt es an einer Stelle. Ein Credo. Erzählt doch EWIGE JUGEND selbst auch von der Sehnsucht. Jener nach dem berühmten Augenblick, der inmitten aller Vergänglichkeit verweilen soll, weil er so schön ist. Und weil dieser Film einige solcher Augenblicke hat, wird ihm, davon kann man ausgehen, die Zeit nicht allzu viel anhaben.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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