Originaltitel: EXILS

F 2004, 103 min
Verleih: Arsenal

Genre: Drama, Roadmovie

Darsteller: Lubna Azabal, Romain Duris

Regie: Tony Gatlif

Kinostart: 16.02.06

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Exil

Heimkehr in die Fremde

Die Kamera, nicht die Dramaturgie, schreibt den Film, vielmehr: sie malt ihn. Im ersten Bild zeigt sie nichts als Haut. Ein Mann steht nackt am offenen Fenster, unter ihm rast Paris dahin, auf einer mehrspurigen Schnellstraße. Dazu läuft ein aggressiver Beat, und eine Frauenstimme beschwört Worte: Von Demokratie und Exil ist die Rede. Der Mann läßt sein Bierglas fallen und dreht sich um. Auf dem Bett liegt eine nackte Frau. Ein Liebespaar also. Doch ehe wir wissen, wer sie sind, haben wir das Pariser Zimmer verlassen und befinden uns auf einer Landstraße in Spanien, mitten in der Einöde. Wohin? Nach Algerien.

Nach diesem überstürzten Aufbruch in den Film beruhigt sich der Fluß der Bilder und Töne allmählich. Die Dynamik bleibt jedoch das Prinzip des Films, welches das Erzählen einer Geschichte beinahe überflüssig macht. Naima und Zano haben sich auf den Weg gemacht in das Land, aus dem ihre Vorfahren stammen, auf der Suche nach Erinnerung, nach Heimat. Auf der Straße, in Andalusien, Marokko und schließlich Algerien, treffen sie auf Wegboten: Flüchtlinge, die in die andere Richtung gehen. Doch sie stoßen auch auf die universelle Ausdruckskraft der Musik und entdecken lebendige Traditionen.

EXIL ist so etwas wie ein ethnologisch-musikalisches Road-Movie, das sich nichts vorschreiben läßt und auf ganz eigene Weise über die Themen Emigration und Heimatlosigkeit reflektiert. In diesem Sinne gewinnt auch die anfängliche Nacktheit der Protagonisten an Bedeutung. Eine Weile droht man an ihrer unbeschriebenen Oberfläche abzugleiten, an der Coolness von Romain Duris und der ungezähmten, ziellosen Lebenslust von Lubna Azabal. Doch dann wird die fehlende Identität zum traumatischen Erlebnis, und die Figuren offenbaren sich in ihrer Zerbrechlichkeit. Die Reise wird zur Therapie.

Die Nacktheit vom Beginn kündigt aber auch die Unmittelbarkeit und Sinnlichkeit des Films an. Die Kamera schreibt in kräftigen, symbolischen Bildern, die gemeinsam mit den raffinierten Klangkompositionen schließlich eine trance-artige Wirkung entfalten. Ein berauschender Aufbruch und ein ungewöhnlicher Film.

[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...

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