Originaltitel: EXTRAÑO

Argentinien/F 2002, 87 min
Verleih: Kairos

Genre: Drama

Darsteller: Julio Chávez, Valeria Bertucelli, Chunchuna Villafane

Regie: Santiago Loza

Kinostart: 20.10.05

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Extraño

Die Kunst der Zurückhaltung

Axel, ein Mann in der Mitte seines Lebens, schwimmt wie Treibgut durch die Tage. Vielleicht quält ihn irgendetwas, aber es scheint mehr das Leben an sich zu sein, das ihn ratlos macht. Als Chirurg praktiziert er nicht mehr, Familie hat er nicht. Er sucht Unterkunft bei seiner Schwester, trifft im Café auf eine junge schwangere Frau, eine zufällige Begegnung. Er zieht zu ihr, verläßt sie, sucht eine alte Freundin auf, kehrt zurück. Ist es Liebe? Schwer zu sagen, hier haben sich zwei gefunden, die eine Wegstrecke gemeinsam gehen. Das muß als Geschichte reichen.

Wer sich vom handlungsorientierten Kino der schnellen und pompösen Bilder erholen will, ist in diesem sehr eigenen und kompromißlos schlichten Erstlingsfilm aus Argentinien richtig. Ein Mann irrt ziellos umher und begegnet einigen Frauen. Sie erzählen ihm von ihrem Leben, von Träumen und Geschichten auf der Grenze zwischen Sterben und Geburt. Er hört aufmerksam zu, verneint aber, ihnen etwas zu sagen zu haben. Keine Erklärungen. Hier wird gezeigt, beobachtet und angedeutet, mit großer Liebe zum Detail und viel Gestaltungswillen.

Es gibt viel zu entdecken: wie kleine Gegenstände inszeniert werden oder Gesten. Jemand zündet ein Streichholz an einem nächsten an oder gießt Tee ein. Lange ausschnitthafte Einstellungen. Die Kamera verharrt geduldig auf den Gesichtern. Dann fliegen auf langen Fahrten mit dem Zug Landschaften vorbei, die keinesfalls außergewöhnlich sind. Das alles scheint banal, und doch enfaltet sich eine fast poetische Aura. Ebenso in den zwischenmenschlichen Begegnungen. Es gibt eine wunderschöne und auch ein wenig komische Szene, in der Axel mit seinem kleinen Neffen vor dessen Haus sitzt. Der Junge zündet sich eine Zigarette an. Axel beobachtet ihn und nimmt dann auch einen Zug. Julio Chávez spielt den Melancholiker mit der allergrößten Zurückhaltung.

Sicher, eigentlich möchte man mehr erfahren über diesen Mann. Seine Unergründlichkeit quält schon ein wenig. Aber der Film beweist Mut. Keine fadenscheinigen Auflösungen, keine aufgesetzten Back-Stories. Ein Film der Stille.

[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...

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