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Familienfest

Happy Birthday, Arschloch!

Wenn die Sippe zusammentrifft, dann kommt wirklich vieles zusammen: verwandtschaftlicher Neid, eheliche Frustration, elterliche Enttäuschung. Dazu Geldknappheit, Wohlstand, Krankheit, Lügen, Wahrheiten, Kasteiung, Suff.

Lars Kraume nun lädt zu einem 70. Geburtstag. Der große Musiker Hannes Westhoff soll nach dem Willen seiner zweiten Frau Anne im Kreise der Familie feiern. Doch spätestens als Hannes’ Ex-Gattin Renate, mit der er auch die Söhne hat, aus Paris anreist, Blumen von der Tanke kreisen, Anne vom Gatten aus Versehen angefahren wird, woraufhin Renate subtile Tötungsabsichten proklamiert, spätestens dann also weiß man, daß Annes Idee keine gute war. Leitmotivisch steht dafür mal wieder das Versagen der Väter. Denn FAMILIENFEST zeigt einen egomanischen Alten, dem es keines der Kinder recht machen konnte: der schwule Frederik nicht, der Pleitier Gregor ebenso wenig, und der Talentverschwender Max gleich gar nicht. Hannes fühlt sich umgeben von Erbschleichern, Pantoffeltierchen, Absolutionserbittern und Schlaumeiern. In seiner Verkrustung erkennt dieser Alphaklops spät, wer eigentlich der selbstsüchtige Giftmischer war. Mit spitzer Zunge wird das Eintreffen der Verwandtschaft kommentiert, noch reißt man sich aber zusammen, die gluckenhafte Anne bäckt und köchelt und dekoriert in entzückender Zwanghaftigkeit. Bald sitzen die jungen Männer und deren Begleitungen mit den Müttern und dem Jubilar am Tisch, denn welcher Platz in einem Haus ist besser geeignet, um es bald krachen zu lassen? Eben!

Es wußten bereits Thomas Vinterberg und Lars von Trier und nun Lars Kraume um das Potential, weshalb der Satz „Lieber Hannes, Du siehst hier am Tisch Liebe!“ ganz formidabel als Zündschnur dafür taugt, was folgt: ein Geburtstag wie ein Reichsparteitag! Es wird kräftig ausgeteilt in FAMILIENFEST, mal ist der Ton ein höchstkomischer, mal ein gallebitterer und zum Schluß gar ein todtrauriger. Der Film wird von einem formidablen Ensemble getragen, fast ein Frevel, da zwei Akteure herauszupicken, und dennoch: Hannelore Elsner zeigt die komplette Spielbreite, das Mädchenhafte und das Verletzte, das Weltfrauliche und das Mütterliche, so sieht man es bei ihr immer dann, wenn sie einen starken Regisseur an ihrer Seite weiß. Und Lars Eidinger, den man eigentlich aus vielerlei Gründen partout nicht gut finden möchte, spielt als Todgeweihter mit einer Kraft und Zerbrechlichkeit zugleich, noch dazu mit einer Zartheit, die schlicht berührt.

D 2015, 89 min
FSK 6
Verleih: NFP

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Hannelore Elsner, Barnaby Metschurat, Lars Eidinger, Jördis Triebel, Günther Maria Halmer, Michaela May

Regie: Lars Kraume

Kinostart: 15.10.15

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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