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Gardenia

Das Leben ist eine Travestieshow

Sein ganzes Leben lang fürchtete sich Rudi davor, als Homosexueller aufzufliegen. Dann, fast 70jährig, wurde dem kleinen, kernigen Mann mit flummiartigem Bauch ein unverhofftes Glück zuteil. Er geriet an eine Bühnenshow, in der er einen Transvestiten verkörpert. Anfangs mußte er all seinen Mut aufbringen, doch schon nach wenigen Wochen war das für ihn kein Theater mehr: Es wurde sein Leben.

Der belgische Choreograph Alain Platel brachte das Stück „Gardenia“ zusammen mit dem Musicalspezialisten Frank van Laecke auf die Bühne. Es geht darin um den letzten Abend eines Kabaretts, in dem alle Travestiekünstler inzwischen alt geworden sind. Die Darsteller spielen sich mehr oder weniger selbst. Das Stück wurde eine Erfolgsgeschichte. Zwei Jahre tourte die Gruppe durch die ganze Welt. Nun steht die letzte Show an.

In seinem Dokumentarfilm erspart uns Thomas Wallner zum Glück die ganze Entstehungsgeschichte des Projektes. Es gibt ja auch schon genug nervtötende Dokus über die Probenarbeit mit Vertretern der einen oder anderen Randgruppe. Nein, er setzt gleich beim letzten Kapitel an, beim Finale des Finales. Ein bißchen wie Robert Altman in seiner LAST RADIO SHOW. Gewissermaßen sieht er den Darstellern beim Abschminken zu. Willkommen zurück im Alltag. Das letzte Kapitel des Lebens hat begonnen. Es ist also Zeit, Bilanz zu ziehen oder – wie im Fall von Rudi – neu durchzustarten.

Wallner kombiniert Momente des Theaterabends mit ausgewählten Darsteller-Porträts, so daß sich das Öffentliche und das Private durchdringen. Dieses Konzept ist zwar ziemlich geradlinig, und die Porträts stützen sich hauptsächlich auf Interviews. Doch das tut dem Unterhaltungswert und dem Zauber der Verwandlung keinen Abbruch. Dafür sorgt die Kamera, die auf der Bühne die Darsteller umkreist und sie räumlich herauslöst wie wertvolle Ausstellungsstücke eines Kabinetts. Die Lebensgeschichten dazu offenbaren nicht nur vielschichtige Erfahrungswelten, sondern pendeln auch im Tonfall zwischen augenzwinkernder Selbstironie („Ich betrat den OP-Saal als Cäsar und verließ ihn als Cleopatra“) und Ernüchterung: „Nach der OP dachte ich, jetzt stehen mir alle Türen offen. Doch alle Türen schlossen sich.“

Mann oder Frau? Diese große Frage des Lebens verblaßt immer mehr. Die Suche nach der Liebe und die Einsamkeit im Alter sind die Themen, die bleiben. Das kann einen schon melancholisch stimmen. Doch zum Glück gibt es da noch etwas sehr Versöhnliches: das (späte) Bekenntnis zu sich selbst.

D/Belgien 2014, 88 min
FSK 6
Verleih: Real Fiction

Genre: Dokumentation, Schwul-Lesbisch, Schicksal

Regie: Thomas Wallner

Kinostart: 27.11.14

[ Lars Meyer ] Im Zweifelsfall mag Lars lieber alte Filme. Seine persönlichen Klassiker: Filme von Jean-Luc Godard, Francois Truffaut, Woody Allen, Billy Wilder, Buster Keaton, Sergio Leone und diverse Western. Und zu den „Neuen“ gehören Filme von Kim Ki-Duk, Paul Thomas Anderson, Laurent Cantet, Ulrich Seidl, überhaupt Österreichisches und Skandinavisches, außerdem Dokfilme, die mit Bildern arbeiten statt mit Kommentaren. Filme zwischen den Genres. Und ganz viel mehr ...

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