D 2015, 89 min
FSK 16
Verleih: Missing Films

Genre: Biographie, Dokumentation, Drama

Darsteller: Hanno Koffler, Katy Karrenbauer, Luise Heyer, Andreas Marquardt

Regie: Rosa von Praunheim

Kinostart: 23.04.15

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Härte

Haßprogramm Frau

In Debatten über Kindesmißbrauch melden sich immer wieder Stimmen, die daran erinnern, daß es sehr wohl auch Übergriffe von Müttern auf Söhne gebe. Prozentual eher niedrig angesetzt, ja, aber Realität, und zwar bittere. Als würden diese Einwürfe endlich auch Resonanz auf der Leinwand brauchen, hat sich Rosa von Praunheim ihrer angenommen. Er bekam durch einen „prominenten“ Namen, ein Buch von 2007 und öffentliche Diskussionen darüber die nötige Intention. Auf fruchtbaren Boden fallen solche Stoffe beim heute 72jährigen schon seit Jahrzehnten.

HÄRTE ist die doku-fiktionale Aufarbeitung der Lebensstationen von Andreas Marquardt – bedauernswertes Mißbrauchsopfer, zäher Kampfsportler, brutaler Zuhälter, therapierter Straftäter, beseelter Trainer und nimmermüder Charity-Aktivist. Formal entscheidet sich von Praunheim für die eher nüchterne Kombination aus Farbe und Schwarz-Weiß, für Gesprächssequenzen vor allem mit dem echten Marquardt und Spielszenen. Hofft er in den realen Momenten auf die Eigendynamik der Emotion durch Konfrontation mit dem Protagonisten, entzieht er den theatralischen Settings der Fiktion jegliche Identifikations- und Wertungsebene. Ein Ansatz, der zum Fremdeln förmlich einlädt. Ein Kontrast aber, der (die) HÄRTE auf eine Qualität herunterbricht, die die manipulative Komponente auf ein Mindestmaß begrenzt.

Anfangs wird der Kinosessel zu Klein-Marquardts Sessel, wird der Betrachter aus dessen Perspektive von Opa und Oma angesprochen, von den Eltern akustisch und bald auch physisch gequält. „Dein Schwanz gehört mir, Freundchen“, sagt drohend eine besonders gruselige Katy Karrenbauer als Mutter. Andreas muß sie mehr als streicheln und sich von ihr streicheln lassen. Jahrelang geht das so. Mit dem Jungen wächst der Haß, der sich bald auf alle Frauen überträgt. Haß wird Programm. „Verflucht“, schimpft Marquardt heute, „ich kann es nicht mehr gutmachen!“

Er benutzte Frauen, schlug und mißbrauchte sie. Eine davon – er traf Marion, als sie 16 war – lebt längst wieder mit ihm zusammen. Da auch sie in den Interviews offensiv und unverblümt erzählt, bekommt HÄRTE eine sehr eigene Opfer-Täter-Ebene, die sich in ihrer extremen Perspektive viel markanter zeigt, als es jedes um Emotion buhlende Schau-Spiel schaffen könnte. HÄRTE sieht sich nicht weg, man muß ihn sich erkämpfen. Und dann kann er aufgehen.

[ Andreas Körner ]

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