Originaltitel: CHCE SIĘ ŻYĆ

Polen 2013, 108 min
FSK 6
Verleih: MFA

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Dawid Ogrodnik, Dorota Kolak, Arkadiusz Jakubik, Helena Sujecka

Regie: Maciej Pieprzyca

Kinostart: 09.04.15

1 Bewertung

In meinem Kopf ein Universum

Mateus ist noch nicht am Letzten

2014 war ein gutes Jahr für den polnischen Film. Daheim und international. Wichtige Preise für IDA, angemessene Beachtung für IM NAMEN DES … und TIEFE WASSER. Da Osteuropas Kino zumeist in regionalen Wellen kommt und wahrgenommen wird, war Polen einfach an der Reihe. Mit IN MEINEM KOPF EIN UNIVERSUM ebbt die Welle nicht ab.

Mateus weiß genau, was die beiden schönsten Dinge sind, die Gott erschaffen hat: Titten und Sterne. Er spricht es auch aus, aber die Stimme kommt nur aus dem Off. Sie hat einen forschen Ton, ist frech, witzig, flehend, schroff – natürlich also. Sie bleibt aber innen, denn Mateus leidet an einer angeborenen zelebralen Funktionsstörung seines Körpers. Sprechen ist ihm unmöglich, was bleibt, sind Laute. Bewegungen sind extrem eingeschränkt, was bleibt, ist unkoordiniert. „Gemüse“ sei er, sagen selbst Ärzte auf wenig einfühlsame Art zu Mateus’ Eltern. Während ihn die Geschwister ignorieren, und Mutter zunächst fast ritual versucht, ihren Sohn zum „Normalsein“ zu bringen und ihn durchs Zimmer zu schleifen, ist sein Vater wie geschaffen für ihn. Er nimmt Mateus, wie er ist, macht Jux und Dollerei mit ihm, spricht ihn an, fordert ihn heraus. Die Stimme aus dem Off findet es wunderbar. Denn wie es um die Wahrnehmung von Mateus steht, ist längst nicht klar.

Es wäre einigermaßen töricht, Maciej Pieprzycas Tragikomödie mit anderen Filmen zu vergleichen, die um ähnliche Sujets kreisen. Gleich, ob Schwer- oder Leichtgewicht – es gab sie in jeder Kategorie. Besser ist es und auch lohnenswerter, all das zu benennen, was diesen nun zu einem gelungenen, also einem der besseren Filme macht. Hauptdarsteller Dawid Ogrodnik ist unfaßbar gut, und nicht nur, weil er ja „gesund“ ist. Der Zeitrahmen, beginnend Ende der 80er Jahre, ist geschickt gewählt, um wie nebenbei über die polnische Gesellschaft und die Tücken der Unvermeidlichkeit in Heimen zu erzählen.

Zahlreiche Auslassungen geben dem zurückhaltend fotografierten Streifen einen eigenen Puls. Zugeständnisse an die Sehbarkeit, die er sich gönnt, vor allem mit einer jungen, schönen, vermeintlich verstehenden Praktikantin und ein paar Pianoweichteilen zu viel, werden durch Aufrichtig- und Wahrhaftigkeit sowie einen immer hoffnungsvoller werdenden letzten Handlungsteil mühelos geschluckt. Durch die Tatsache, daß alles auf wahren Begebenheiten beruht, sowieso!

[ Andreas Körner ]

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