Originaltitel: IT’S A FREE WORLD

GB/D/Spanien/I 2007, 92 min
FSK 12
Verleih: Neue Visionen

Genre: Drama

Darsteller: Kierston Wareing, Juliet Ellis, Leslaw Zurek

Regie: Ken Loach

Kinostart: 27.11.08

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It’s A Free World

Großartiges Frauenporträt aus der Hand eines klugen Beobachters

Selbst wenn sie scheinbar entspannt am Tresen einer Bar sitzt, spürt man die Energie in ihr. Da ist diese Wachsamkeit, dieser fixierende Blick. Immer lauernd, immer wie auf dem Sprung. Angie, die allein erziehende Mutter, diese blonde, energische Schönheit, ist so, wie Personalcoachs ihre Klientel gerne formen wollen. Klug und selbstbewußt. Zäh und ehrgeizig. Bestens gewappnet für den Kampf auf dem freien Markt.

Auf dem findet Angie sich unvermittelt wieder. Nachdem sie die sexuellen Avancen eines Vorgesetzten zurückweist, verliert sie unter fadenscheinigen Begründungen ihren Job in einer Personalvermittlung. Doch Angie nutzt die Wut und Bitterkeit darüber auf ihre Art. Mit Freundin Rose gründet sie ihre eigene Agentur für Zeitarbeit. Angie verfügt übers Know How, sie kennt die Kniffs und Tricks der Branche. Die legalen wie die weniger legalen. Angie nutzt beide. Der Erfolg heiligt die Mittel.

Der Kapitalismus frißt seine Jünger. Klar, Ken Loachs IT«S A FREE WORLD ließe sich kurz und knapp und völlig legitim so auf den Nenner bringen. Moritat von Aufstieg und Fall einer Unternehmerin. Oder so ähnlich. Doch Loach (RIFF-RAFF, BREAD AND ROSES, THE WIND THAT SHAKES THE BARLEY) ist eben kein Thesenillustrator, kein Ideologe. Keiner, der über den Dingen steht. Keiner, der es besser weiß. Dafür ein empathischer Chronist. Ein ruhiger Beobachter. Und ein genauer Erzähler. In IT’S A FREE WORLD vereint sich das alles aufs Wunderbarste. Ein Film, der das System kritisch skizziert und es dabei keine Sekunde nötig hat, polemisch zu werden. Und ein Film, der eines der aufregendsten und wahrhaftigsten Frauenporträts seit, nun, sagen wir mal, John Cassavetes’

A WOMAN UNDER THE INFLUENCE auf die Leinwand zaubert.

Das mag nun arg euphorisch klingen. Aber man muß das einfach sehen, wie nah der Film seiner Heldin (großartig: Kierston Wareing) kommt, ohne sie vorzuführen. Wie intim er mit ihr umgeht, ohne sie zu entblößen. Wie Loach ihr mit Verständnis und einer Zuneigung folgt, die sich zur traurigen Geduld wandelt, wenn Angie immer skrupelloser moralische Prinzipien und mit diesen ihr Selbstwertgefühl über Bord wirft. Und Angie, die sich hart macht für den Erfolg, wird bitter erfahren, daß die Welt, diese freie, härter ist, als sie selbst.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.

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