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Julietta

Die Marquise von O. auf der Love Parade

Eine junge Frau zwischen zwei Männern - nichts Neues also von der Liebesfilmfront. Doch das Plakat verspricht: Es ist nicht wie Du denkst. Tatsächlich erfährt das Gefühlskarussel der guten alten ménage à trois in Christoph Starks Film eine ungewöhnliche Interpretation. Der Abspann verrät, worauf man so ohne weiteres nicht gekommen wäre: Nach einem Motiv von Kleist wird hier erzählt.

Die 18-jährige Julietta teilt also mit der Kleistschen Marquise von O. nicht nur den schönen Vornamen und die hochwohlgeborene Herkunft (wenn man denn ein schönes Stuttgarter Häusle mit einer Burg vergleichen will), sondern auch ein ähnliches Schicksal. Vom hilfreichen Heroen aus einer brenzligen Situation gerettet, wird sie von ihm ohne ihr Wissen vergewaltigt. Doch wo bei Kleist Kriegswirren die moralische Zurechnungsfähigkeit außer Kraft setzen, ereilte Stark eine wirklich sonderbare Assoziation: das Grausame geschieht auf der Love Parade in Berlin. Hierher ist Julietta gekommen, um Spaß zu haben. In einem Paßbildautomaten erreicht das Amüsement mit ihrem Freund Jiri dann seinen sprichwörtlichen Höhepunkt. Doch auf der Flucht vor den nicht ganz so humorvollen Ordnungsbeamten - musikalisch untermalt und stakkatohaft gefilmt, als sei Tykwers Lola nie die Puste ausgegangen - verlieren sich die beiden im Gewühl der feiernden Masse aus den Augen. Max hat seinen Auftritt. Er zieht Julietta aus einem Springbrunnen, sie dankt ihm kurz und fällt in Ohnmacht.

Der nun folgende Gewaltakt ist dann aber so gewaltvoll nicht. Fast zärtlich in romantisches Licht getaucht, inszeniert Stark mit moralischer Indifferenz, was Max seiner unfreiwilligen Geliebten erst sehr viel später gesteht, und steuert seinen Film damit in eine bedenkliche Ecke. Der Max ist eigentlich ein ganz Lieber und hat das alles nicht so gewollt - höret die Botschaft und bleibet gelassen, und vor allem: verdaut dieses Happy End!

D 2001, 95 min
Verleih: Teamworx

Genre: Drama, Teenie

Darsteller: Lavinia Wilson, Barnaby Metschurat, Uwe Kockisch, Matthias Koeberlin, Sibylle Canonica

Regie: Christoph Stark

Kinostart: 06.09.01

[ Sylvia Görke ]

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