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Kill Billy

Sturm auf die Regalsysteme?

Wer träumte noch nie davon, auch nicht im Angesicht größter handwerklicher Verzweiflung, einen dieser verflixten Inbus-Schlüssel unter Umgehung jeder Aufbauanleitung und Überwindung aller persönlichen ethischen Bedenken in eines dieser gelb-blauen Service-Gesichter zu versenken, langsam zu drehen und sich einen Scheiß darum zu scheren, ob das Gegenstück sechskantig oder sonstwas ist. Kurzum: IKEA war, ist und bleibt sprudelnder Quell von irrlichternden Mord- und Gewaltphantasien – wenigstens für mit Einrichtungsfragen befaßte Leute, die sich einen ernsthaften Gegner nicht leisten können.

Was für anarchische, blut- und rachedurstige Filme wären unter diesen Voraussetzungen zu machen! Wenn der zerbrechliche Mythos von der „charmanten skandinavischen Komödie“ sich nicht auch bis nach Norwegen durchgesprochen hätte. Gunnar Vikene hat davon gehört – und inszeniert einen in ruppige Bilder gekleideten Kompromiß, der sich zwischen verhaltenes Lustspiel und Tragödie, Zurückweisung und spröde Anmut setzt, als wäre es Klippan. Trotz aller Bezüge kaum innovativ, aber einigermaßen bequem.

Harold Lunde ist die Hauptfigur dieses Films, ein Möbelhändler aus Bergen, Geschäftsinhaber in zweiter Generation, der mit der Eröffnung einer IKEA-Filiale um die Ecke nicht nur seine berufliche Existenz, sondern eigentlich seine komplette Daseinsberechtigung verliert. Seine demente Ehefrau Marny stirbt. Die Selbstverbrennung zwischen den Resten seiner auf zeitlose Qualität ausgerichteten Möbelausstellung scheitert kläglich. Der Journalisten-Sohn Jan war nie und ist auch jetzt zu nichts zu gebrauchen. Aber es gibt eine Pistole, einen halbwegs fahrtüchtigen Saab und eine Idee: auf nach Schweden, Ingvar Kamprad, das IKEA-Mastermind entführen und dann … fällt ihm schon irgendetwas ein.

In Frode Gryttens Roman „Ein ehrliches Angebot“ findet sich das süße Gift, das Vikenes sehr freier, ja fahrlässiger Adaption fehlt. Grytten holte aus – in der fiktiven, in der norwegischen und globalen Zeitgeschichte. Vikene aber greift nach dem Naheliegenden: einem norwegischen Don-Quichotte und ortsverbundenen Mittelständler im Clinch mit dem schwedischen Erfinder der demokratisierten Raumausstattung. Zwei alte Grantler mit Geschäftssinn, eingebrochen, irgendwie miteinander verschmolzen im Schnee. Das ist die dünne Pointe, mit der KILL BILLY im Gedächtnis bleibt.

Originaltitel: HER ER HAROLD

Norwegen 2014, 88 min
FSK 6
Verleih: NFP

Genre: Komödie, Literaturverfilmung

Darsteller: Bjørn Sundquist, Björn Granath, Fanny Ketter, Vidar Magnussen

Stab:
Regie: Gunnar Vikene
Drehbuch: Gunnar Vikene

Kinostart: 23.06.16

[ Sylvia Görke ]

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