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Mein Praktikum in Kanada

... hätte etwas besser laufen können

Im März 2016 sah sich die GfK wieder genötigt, wichtige Stimmungen der Deutschen zu ermitteln. Diesmal Untersuchungsobjekt: Die Schlaflosigkeit provozierende Frage, welchen Berufsgruppen wir besonders vertrauen, und erwartbar belegten Politiker Platz 1. Natürlich auf der Liste des Mißtrauens.

Den regierenden Damen und Herren wird also landläufig genauso wie beispielsweise Journalisten oder Einzelhändlern wenig geglaubt, was satirisches Potential bietet, im Gegensatz zu den erwähnten Mitstreitern Lügenpresse und Kapitalistenpack gar kinotaugliches. Philippe Falardeau versucht sich hier ebenfalls dran, die Prämisse überzeugt: Steve Guibord, unabhängiger Abgeordneter, kleines Licht, Lokalmatador, erlangt überraschend nationale Größe, denn plötzlich soll seine Stimme darüber entscheiden, ob sich Kanada am Kriegseinsatz im Nahen Osten beteiligt. Zusammen mit seinem aus Haiti stammenden Praktikanten Sovereign versucht Steve zunehmend verzweifelt, die gigantische Verantwortung zu wuppen ...

Daß er sich dabei metaphorisch gesprochen allerhand Knochen bricht, scheint logisch, schließlich dient das der Ausschöpfung spaßiger Abgründe. Und klar gibt es da witzige Szenen, etwa Sovereigns während öffentlicher Diskussion ausgetragener Kampf mit einem eher androgynen Wesen ums Mikrofon oder den Nahezu-Running-Gag, welcher Frau Bürgermeisterin im Das-Haar-sitzt-Betrieb stets völlig ungerührt vor dem Hintergrund katastrophaler Zustände telefonieren läßt. Aber mal ganz davon weg, daß Falardeaus Inszenierung trotz vehementer Kameraschwenks und Split-Screen-Spielchen immer verdächtig nach Fernsehen aussieht: Dieser nominelle filmische Kampfhund knurrt zwar an vielen Ecken, schreckt dann vor dem letztendlichen Biß jedoch winselnd zurück.

Will aussagen: Egal, ob Steves Familienprobleme (pazifistisch die Tochter, geradezu kriegsobsessiv seine Frau), Sovereigns unverzagt dauergrinsend-idealistische Außensicht auf gesellschaftliche Schlachten, Manipulation des Normalbürgers mittels in Aussicht gestellter Verbesserung der Arbeitsbedingungen etc., es fehlt an wahrer Schärfe, die intendierte Satire reicht über ihre putzige kleine Schwester Komödie ungeachtet permanenter Versuche kaum hinaus. Was außerdem auch an stellenweiser Plumpheit liegt, deren Vorkommen bei politisch motivierten sarkastischen Beobachtungen ja fast schon zum Standard gehört.

Originaltitel: GUIBORD S’EN VA-T-EN GUERRE

Kanada 2015, 108 min
FSK 6
Verleih: Arsenal

Genre: Komödie, Satire

Darsteller: Patrick Huard, Suzanne Clément, Irdens Exantus, Clémence Dufresne-Deslières, Sonia Cordeau

Stab:
Regie: Philippe Falardeau
Drehbuch: Philippe Falardeau

Kinostart: 26.05.16

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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