Originaltitel: NÁRODNÍ TŘÍDA

D/Tschechien 2020, 91 min
FSK 16
Verleih: 42film

Genre: Tragikomödie, Literaturverfilmung

Darsteller: Hynek Cermák, Kateřina Janečková

Regie: Štepán Altrichter

Kinostart: 02.07.20

1 Bewertung

Nationalstraße

Ein sensibler Wutbürger

Vandam ist ein glatzköpfiger Stiernacken, auf dessen breitem Kreuz der Spruch „Silent leges inter arma“ („Es schweigen die Gesetze unter den Waffen“) eingeschrieben ist. Ein Mann, der sein eigenes Gesetz ist, das er mit seinen Fäusten durchsetzt. Der zwar damit prahlt, die Samtene Revolution vor 30 Jahren in Prag losgetreten zu haben, doch blieb er zeitlebens im Plattenbauviertel hängen – mit der Stammkneipe als Bühne und wichtigstem sozialen Kontaktort. Als diese ihm von einem Immobilienhai ­genommen werden soll, tritt er einen Kreuzzug los: gegen das Kapital und für seine heimliche Liebe, die Kneipenwirtin Lucka.

Das schmale Büchlein „Nationalstraße“ gehört zu den erfolgreichsten Werken des deutsch-tschechischen Grenzgängers Jaroslav Rudiš, dessen Helden meist auf der Schattenseite des Lebens stehen. Sein Vandam, dessen reales Vorbild der Autor einst in einer Prager Kneipe traf, ist eine eigentümliche Figur: ein belesener Schläger, ein rechter Gewaltmensch, der an den Verhältnissen leidet, ein im Grunde liebenswertes Ekel.

Hynek Čermák verkörpert ihn in der Verfilmung von Štĕpán Altrichter zwar mit großer physischer Präsenz, doch mit etwas zu viel Sympathie, als das der Charakter wirklich glaubwürdig wäre. Wie auch die Kneipe und das Viertel einen Tick zu glatt, zu behauptet wirken, um als Milieustudie wirklich zu verfangen. Nach einem vielversprechenden Einstieg zündet der Film nicht und findet keine Balance zwischen Komödie und Drama. Das zudem über viele Szenen auch noch das Klagelied „Stabat Mater Dolorosa“ von Pergolesi gelegt wird, ist der Überhöhung dieses Wutbürgers einfach zu viel.

[ Dörthe Gromes ]

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