Originaltitel: FUOCOAMMARE

I/F 2016, 108 min
FSK 12
Verleih: Weltkino

Genre: Dokumentation, Polit, Schicksal

Regie: Gianfranco Rosi

Kinostart: 28.07.16

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Seefeuer

Zwischen zwei Welten

Eigentlich wollte der italienische Regisseur Gianfranco Rosi auf Lampedusa, der kleinen Insel, auf der Jahr für Jahr zehntausende Flüchtlinge ankommen, nur einen Kurzfilm drehen. Er merkte schnell, daß das angesichts der Komplexität des Themas nicht in Frage kam, und blieb einfach dort, um die Bewohner kennenzulernen, die Tag für Tag mit den schwer traumatisierten und verletzten Flüchtlingen umgehen, während sie gleichzeitig versuchen, ihr ganz normales Leben zu leben. Auch zu den Geflüchteten, die meist nur 1-2 Tage in der Erstaufnahmeeinrichtung der Insel bleiben, nahm Rosi, der weitgehend allein filmte, Kontakt auf. Angesichts der Dramatik ihrer Situation sind diese Begegnungen von unglaublicher Intensität, geprägt von Angst, Erschöpfung, Trauer, aber auch Euphorie über die Ankunft in Europa.

In SEEFEUER wird körperlich spürbar, wie stark sich die Lebensverhältnisse von Einwohnern und Ankommenden unterscheiden, obwohl sie untrennbar miteinander verknüpft sind. Da ist der Arzt, der die Flüchtlinge untersucht, die Mitarbeiter der Seenotrettung, die Tag für Tag Zeuge der Tragödien auf See werden, und der 12jährige Samuele, der als Art Alter Ego des Regisseurs zum erzählerischen Mittelpunkt des Films wird. Samuele streunt über die Insel, schießt mit seiner Zwille und spielt Krieg – wie viele Jungen in seinem Alter. Parallel dazu stranden vor seiner Haustür die, die dem Krieg gerade so entfliehen konnten. Glücklicherweise verzichtet der Film auf klassische Interviews und darauf, Samuele durch Nachfragen aus seinem kindlichen Universum zu reißen. So bleiben die beiden Welten, die auf kleinstem Raum nebeneinander existieren, einfach so stehen.

Rosi wurde während der Dreharbeiten Zeuge schrecklicher Tragödien, erlebte, daß gerade Gerettete doch noch starben, und sah Schiffe, in denen sich bereits Leichen türmten. SEEFEUER enthält auch einige dieser Bilder, die eigentlich kaum zu ertragen sind. Trotzdem ist es wichtig, daß sie Teil des Films sind, weil es schlicht unmöglich ist, über die Flucht zu erzählen und den Tod zu verschweigen. Die Bilder legen Zeugnis darüber ab, daß sich momentan eine humanitäre Katastrophe live vor unseren Augen abspielt. Jeder von uns weiß, was auf dem Mittelmeer passiert. Aber wir spüren zu wenig, was das bedeutet. Dieser Film öffnet auf meisterhafte Art unsere Augen und unsere Herzen. Das ist nicht angenehm, aber überfällig.

[ Luc-Carolin Ziemann ] Carolin hat ein großes Faible für Dokumentarfilme, liebt aber auch gut gespielte, untergründige Independents und ins Surreale tendierende Geschichten, Kurzfilme und intensive Kammerspiele. Schwer haben es historische Kostümschinken, Actionfilme, Thriller und Liebeskomödien ... aber einen Versuch ist ihr (fast) jeder Film wert.

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