D 2016, 96 min
Verleih: Partisan

Genre: Dokumentation

Regie: Sobo Swobodnik

Kinostart: 03.03.16

Noch keine Bewertung

Sexarbeiterin

9 To 5-Life?

Lena Morgenroth aus Berlin ist studierte, nicht-praktizierende Informatikerin, geht wie wir alle einkaufen, dazu gerne klettern, ist kunstinteressiert, politisch engagiert, trifft sich zum Kaffee mit Freunden, zum gemeinsamen Kochen und Gesellschaftsspiel mit ihrer Schwester und ist in einer stabilen Partnerschaft. Soweit, so „normal“, denkt sich nun sicherlich jemand beziehungsweise hoffentlich niemand.

Denn genau dieses gesellschaftliche, kulturelle oder soziale Unwort des „Normalen“ wird in Sobo Swobodniks Film zum Thema. Lena ist – wie der Titel bereits verrät und die Pointe des Schreibenden bewußt unterläuft – Sexarbeiterin; selbsterwählt, also weder gezwungenermaßen noch durch „unglückliche Umstände“ hineingerutscht oder ähnliches, das mit dieser Berufsbezeichnung oft assoziiert wird. Der Film zeigt Ausschnitte, die in mehreren Monaten ihres Alltags entstanden sind.

Von den gängigen Klischees der Sexarbeiterinnen oder Prostituierten will sich SEXARBEITERIN entfernen und aufzeigen, daß es auch – und immer – mehr selbständige und vom klassischen Rotlichtmilieu und Straßenstrich weit entfernte Menschen gibt, die mit Sex oder sexuellen Handlungen ihre Brötchen verdienen. Normalität in einem Sinne.

Oder auch, so sagt es die Protagonistin im Film selbst, daß man den Akt der körperlichen Liebe ein wenig von seinem mystifizierten Podest heben sollte, ihn als etwas Alltäglicheres, deswegen jedoch nicht weniger Besonderes ansehen sollte. Normalität in einem anderen Sinne. Und noch mehr Ausformungen und Deutungen verbergen sich hinter den aus recht unerfindlichen Gründen schwarzweiß gehaltenen Bildern; natürliche Farben hätten einen sofort näher an Lena und ihre Alltagswelt herangeholt.

Doch auch wenn der Film es durchaus schafft, seine sympathische Protagonistin und ihre „Welt“ näherzubringen, so bedarf es doch keiner zweiminütigen Montagen, wie Lena ihren Einkauf auspackt oder im Park schaukelt, untermalt von einem – wenn auftauchend – für die oft so zarten Begegnungen auf der Leinwand zu dominanten Soundtrack.

Denn das ist es leider: Der Film ist oft zu beschäftigt damit, was er wie erreichen will, und verliert die doch sehr interessante Thematik damit öfters aus dem Blick.

[ Philipp Winkler ] Philipp mag Filme, die sich in Randgebieten jeglicher Fasson abspielen. Filme, die mitten hinein treffen (und sei es in die Fresse). Filme, die frisch sind, selbst wenn sie siebzig Jahre alt sind. Philipp mag Literaturverfilmungen, denn er schreibt selbst. Doch grundsätzlich mag er auch Comicadaptionen, denn Philipp mag Comics. Er greift eher zu einem guten Dokumentar- als zu einem guten Spielfilm. Diese Leute mag Philipp besonders: James Marsh, Michael Haneke, Harmony Korine, Sabu, Errol Morris, Shohei Imamura, Jeff Nichols, Andrei Tarkowski, John Hillcoat, Hayao Miyazaki, György Palfi, Francis Ford Coppola und Hirokazu Koreeda.

Lesezeichen:

Ersten Kommentar schreiben zur Rezension oder zum Film




* Pflichtfelder

Die Angabe eines Echtnamen ist nicht erforderlich: Spitznamen bzw. Nicknames sind erlaubt!

Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht!

HTML nicht erlaubt.