D 2014, 79 min
Verleih: Basis

Genre: Experimentalfilm, Dokumentation

Regie: Katarina Schröter

Kinostart: 05.02.15

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The Visitor

(Ein-)Schleichende Penetranz

Schon bei NANUK, DER ESKIMO von 1922, dem ersten weltweit wahrgenommenen Dokumentarfilm, waren da eben Nanuk, der Eskimo, und die Kamera. Momente der Inszenierung und Unnatürlichkeit ließen sich schon beim Drehen selbst bei allerbesten Vorsätzen nicht vermeiden. Wenn jetzt also in Katarina Schröters THE VISITOR gleich am Beginn zu lesen ist, nichts sei hier „geschrieben oder gestellt“, dann stimmt es sicherlich vom Fakt her. Daß all die zufälligen Begegnungen der Protagonistin in São Paulo, Mumbai und Shanghai ein wenig anders verlaufen wären ohne Kamera, sei sie auch noch so klein und digital gewesen, ist indes keine Behauptung. Eine Menge Reize aber – vor allem in der Metaebene – hat dieser spezielle Dok-Film trotzdem.

Schröter selbst ist fast auf jedem Bild zu sehen. Gekleidet in einer Art dunklem Gouvernanten-Kleid geht, läuft, sitzt, steht sie mit Menschen, die sie in den genannten drei Weltstädten aufgegabelt hat. Nicht angesprochen, wenn man dem „Unscripted“ bedingungslos glaubt. Sie stellt sich einfach an die Seite dieser Frauen und Männer, schleicht sich an, folgt ihnen, setzt sich neben sie, sieht sie an, wird mitgenommen. Dabei vermeidet sie so gut wie jede Geste, Worte sowieso. Bezugslosigkeit ist Voraussetzung.

Wie verhalten sich die „Aufgegabelten“? Ethnisch bedingte Freundlichkeit hilft in Shanghai, Neugier in Mumbai, eine gewisse Arglosigkeit in São Paulo (ein weiterer Versuch in Berlin, so Katarina Schröter, sei kläglich und mit an sie gerichteten Vorwürfen des Gestörtseins geendet). Erst im nachhinein wurden die Sätze der Einheimischen übersetzt und sind nun als Untertitel zu lesen.

Drei Menschen kommt das Projekt dabei etwas näher: einem Taxifahrer, der in seinem Auto wohnt, einem Hilfsarbeiter, der mal wieder ohne Geld von einer Baustelle muß, einer jungen Frau, die aus der sonderbaren Observation mit dieser „Schattenfrau“ ein eigenes Experiment entwickelt. Bei ihr hat der so vage wie penetrant anmutende konzeptionelle Ansatz von Regisseurin und Performerin Schröter am besten funktioniert: freie Annäherung an Fremde, das Aufzeigen von Grenzen und Grenzüberschreitungen inklusive.

Paola Calvos Kamera hilft THE VISITOR mit wirklich starken Bildern nach dem „Verursacherprinzip“: „Ohne sie“, so Katarina Schröter, „hätte ich mich wie eine Verrückte gefühlt.“ Kann aber auch sein, man wird es beim Zusehen.

[ Andreas Körner ]

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