Originaltitel: DEMAIN

F 2015, 118 min
FSK 0
Verleih: Pandora

Genre: Dokumentation

Regie: Mélanie Laurent , Cyril Dion

Kinostart: 02.06.16

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Tomorrow

Charmante Aufforderung zur Weltenrettung

Wer in den letzten zehn Jahren fleißig Dokumentarfilme geschaut hat weiß, wie schlecht es um die Welt bestellt ist: Unsere Nahrung ist genmanipuliert, pestizidverseucht und vor allem ungerecht verteilt (WE FEED THE WORLD), demnächst werden wir in Plastik ersticken (PLASTIC PLANET) und uns gegenseitig den Raum zum Leben nehmen (POPULATION BOOM, LANDRAUB). Die von uns verursachte Klimaerwärmung läßt Gletscher und Polkappen schmelzen (CHASING ICE), aber die Atomkraft ist auch keine Lösung (DIE REISE ZUM SICHERSTEN ORT DER ERDE). Kurz: Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.

Längst ist der Kollaps kein vages Szenario mehr, sondern hat bereits begonnen. 2012 prognostizierte eine Forschungsgruppe in Berkeley/USA, daß unser Ökosystem spätestens in 80 Jahren kollabiert, wenn kein gravierender Kurswechsel stattfindet. Ihre beängstigende Studie brachte zwei Menschen in Frankreich dazu, das eigene Leben radikal in Frage zu stellen. Die Schauspielerin Mélanie Laurent und der Aktivist Cyril Dion spürten, daß es höchste Zeit war, selbst etwas zu tun. Doch statt die Probleme zu beschreiben, wollten sie lieber einen Film über Lösungsansätze machen und darin Menschen vorstellen, die praktische Alternativen entwickelt haben und damit bereits den ersten Schritt ins Morgen getan haben. Sie besuchten Aktivisten und Wissenschaftler, die in aller Welt neue ökologische, wirtschaftliche und demokratische Ideen verwirklichen.

Im Boot sind durchaus bekannte Gesichter wie die herrlich subversive Landwirtschaftsaktivistin Vandana Shiva, der Stadtplaner Jan Gehl, der aus Kopenhagen eine Fahrradstadt machte, oder Bernard Lietaer, der Guru der Alternativ-Währungen. Fast noch spannender sind allerdings die eher unbekannten Persönlichkeiten wie der indische Bürgermeister Elango Rangaswamy, der in seinem Dorf ganz neue Formen der demokratischen Partizipation erprobte, und der verschmitzte Aktivist Rob Hopkins, der in seiner Heimatstadt Totnes eine eigene Währung einführte, um lokale Geschäfte zu unterstützen, und in der ganzen Stadt Gemeinschaftsgärten etablierte.

Wie in einem großen Puzzle setzen Laurent und Dion diese Ideen aus aller Welt zusammen, so daß plötzlich tatsächlich eine Ahnung entsteht, wie ein anderes Leben aussehen könnte. Und das Beste daran ist: Der Film zeigt deutlich, wie viel Spaß das machen kann. Hier geht es nicht um verkniffene Ökos mit einem Hang zum Märtyrertum, sondern um freundliche, moderne und vor allem sehr zufrieden wirkende Menschen, die ohne Sendungsbewußtsein einfach davon sprechen, was sie gerne tun. Diese entspannte Herangehensweise, kombiniert mit der betörenden Musik der Sängerin Frederika Stahl, hat eine nicht zu unterschätzende Wirkung.

In Frankreich war TOMORROW der Überraschungserfolg des Winters – seit letztem November haben mehr als eine Million Menschen den Film gesehen, und es werden täglich mehr, die sich von der Energie dieses Films anstecken lassen. Ob es dem Film gelingt, auch bei uns ein so nachhaltiges Feuer zu entfachen, daß tatsächlich eine Trendwende gelingt, ist schwer vorauszusagen. Die unleugbare Naivität, mit der Laurent und Dion kontroverse Behauptungen nicht einmal hinterfragen, kann schon einen gewissen Widerspruchsgeist wecken. Wer immer diesen Geist nach dem Kinobesuch in sich spürt, sollte ihn jedoch gewinnbringend dort investieren, wo er wirklich Sinn macht: in den ersten Schritt in ein Leben, in dem das Morgen wieder eine mindestens ebenso große Rolle spielt wie das Heute.

[ Luc-Carolin Ziemann ] Carolin hat ein großes Faible für Dokumentarfilme, liebt aber auch gut gespielte, untergründige Independents und ins Surreale tendierende Geschichten, Kurzfilme und intensive Kammerspiele. Schwer haben es historische Kostümschinken, Actionfilme, Thriller und Liebeskomödien ... aber einen Versuch ist ihr (fast) jeder Film wert.

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