Originaltitel: IT MUST BE HEAVEN

F/D/Kanada/Türkei/Palästina 2019, 102 min
FSK 0
Verleih: Neue Visionen

Genre: Schräg, Polit, Komödie

Darsteller: Elia Suleiman, Tarik Kopty, Kareem Ghneim, Ali Suliman, Faris Muqabaa

Regie: Elia Suleiman

Kinostart: 16.01.20

8 Bewertungen

Vom Gießen des Zitronenbaums

Ohne Worte: die Welt am absurden Abgrund

Ob auf links gedreht oder nach rechts gerückt, bei Tageslicht oder im Mondschein betrachtet: Die modernen Zeiten sind stürmisch, politisches Gebälk knarzt, gespaltene Gesellschaften rasen aufeinander los, und menschliche Idiotie ist sowieso das neue Schwarz, konstant penetrant zur Schau getragen. Auch Regisseur Elia Suleiman kann da bloß staunen, zunächst über maximal souveräne oder hanebüchenes Zeug palavernde Nachbarn, dann Produzenten, die er aufsucht, um ihnen Gelder für einen Film abzuringen. Aber er, der Palästinenser, möchte eine stumme Komödie realisieren, eine Geschichte abseits Blutes, Militärs, Dramas erzählen – das klappt nun wirklich nicht!

Oder? Klar. Suleiman tritt sofort den Beweis an, spannt einen straffen roten Faden, reiht daran hier offensichtliche, dort verstecktere Zinken auf – Panzer okkupieren Frankreich, ewig überholende eitle Polizisten transportieren eine gefesselte junge Frau sonstwohin. Suleiman meint die zerrissene Heimat überall vorzufinden, sie entwickelt globale Omnipräsenz, einmal taugt er seiner Herkunft wegen sogar zum Anschauungsobjekt. Wenig subtil, definitiv deutlich, eine Ansage.

Von Paris nach New York führt Suleimans Reise, fast völlig wortlos bewältigt, viel gibt’s vermutlich eh nicht zu erwidern angesichts ständiger Begegnungen der – vorsichtig formuliert – seltsamen, unablässig gesteigerten Art. Poltert anfangs eher gemäßigt u.a. ein Beleidigungswettbewerb, geht’s bald mit Rundumversorgung Obdachloser weiter, umwerfend schräg verpackte Sozialkritik beißt richtig fest zu, der metaphorische Knochen knackt bedenklich. Obendrein zeigen bis an die Zähne bewaffnete Amerikaner Verteidigungswillen, während Ruhebedürftige um Sitzgelegenheiten kämpfen, dazu Suleimans schlicht unbezahlbare Mimik, als zwei japanische Touristen ihn … nein, das verraten wir jetzt nicht. Einige actionlastige Verfolgungsjagden toben außerdem, ohne Furcht vor knieerweichendem Blödsinn. Zum Verständnis: Das wurde voller Entzücken geschrieben!

Geradezu zwingend, abschweifende Parallelen zu ziehen – Buster Keaton bietet sich an, ebenso Quentin Dupieux, primär dessen WRONG oder REALITY. Sicher, Suleiman liefert eine thematisch aufgeladenere und zugleich geerdetere Version, ersetzt Hundehaufen-DNS oder preisverdächtige Schreie durch ganz alltäglichen Irrsinn, treibt selbigen fortgedacht auf eine in total ausgetickter Zukunft vielleicht normale Spitze. Jene aus verschiedensten Kurzsketchen zusammengewürfelte Vision trifft dabei, ungeachtet jeglicher ausgelassener Absurdität, exakt in humane schwarze Löcher, Kommentare zu Egoismus und Willkür verteilen schmerzlich wahre Kopfnüsse, zog nicht kürzlich eine Bekannte derart enge Runden um sich selbst, daß sie in ihren Bauchnabel geriet und verschwand?

Die Nummernrevue pulsiert bitterkomisch, Suleiman blickt melancholisch, BLAU IST EINE WARME FARBE-Kameramann Sofian El Fani vollbringt visuelle Großtaten, und der Originaltitel IT MUST BE HEAVEN spiegelt ein doch versöhnliches Finale. Spätestens seit Belinda Carlisle gilt: Heaven Is A Place On Earth, in vorliegendem Fall ein Kinosaal, welcher sich zum Ort der Zuversicht mausert, sprießender Zitronenbaum und vergnügt gegen stetige Bedrohung anfeiernde Partygänger inklusive. Und so steckt man schließlich, wenn der Abspann rollt, statt unter Trümmern unserer zwischenzeitlich versunkenen Welt begraben inmitten eines wohligen, hoffenden Glücks-Pools.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...

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