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XXY

Von der eigenen Schwierigkeit, anders zu sein, von der Schwierigkeit anderer, damit umzugehen

Alex rennt. Durch einen gespenstisch anmutenden Wald. Fortlaufen kann der Teenager trotzdem nicht, wenigstens nicht von seiner naturgegebenen Bestimmung: Alex hat ein zusätzliches, das 47. Chromosom, auf einen oberflächlichen Blick ist Alex rein äußerlich ein Mädchen, das Geschlecht ist eindeutig aber auch männlich. Alex und seine Familie sind schon mal fortgelaufen, weg aus Argentinien, hin an die uruguayische Küste. Eben dorthin, wo niemand dumme Fragen stellt, oder wie es Alex’ Mutter ausdrückt, wo nicht jeder Idiot urteilt. Natürlich tun sich die Eltern nicht leicht, doch kaum aus egoistischen Gründen. Der Vater sagt in einem der schönsten Momente, daß Alex bereits nach der Geburt für ihn "perfecto" war. Die Mutter ist da noch wankelmütiger, anders als ihr Mann, der Alex durchaus auch als seinen Sohn zu betrachten bereit ist, will sie noch einen professionellen Blick, den eines angereisten Chirurgen. Im Schlepptau dessen schwerpubertärer Sohn Alvaro, der sich von Alex dem Mädchen angezogen fühlt, der seinen ersten rauhen Sex mit Alex dem Jungen haben wird, der Alex auch nach der Lüftung des "Geheimnisses" begehrt.

Doch das lehnt der 15jährige ab, weiß er doch zu gut, daß Alvaro gerade selbst auf einer Reise des Entdeckens ist. Da ist Alex schon weiter, eher durch unschöne Sachen: das aufkommende Getuschel im Fischerdorf, eine feige Attacke halbstarker Deppen am Strand, die Auseinandersetzung mit Vando, Alex’ bestem Freund - all dies hat ihm auf schmerzlichem Weg klar gemacht, was er sein will. Nämlich das, was er vielleicht am meisten ist, das, wie er sich wohl am ehesten fühlt. Also hört er auf, die schweren Kortisonpräparate zu schlucken, also werden der Mann, der "so gern an Körpern rumschnippelt" und sein Sohn Alvaro wieder abreisen, also werden Alex und seine Eltern noch enger zusammenrücken - weil ihr Kind sich ein wenig mehr gefunden hat.

Lucía Puenzo erzählt diese beeindruckende Geschichte ganz selbstbewußt mit einem poetischen Grundton, dafür steht die herrliche, teils schroffe Küste, dafür steht das Ertasten von Gefühlen und das Erforschen von Lüsten bei den Jugendlichen, das entspricht dem komplexen Thema der Selbstfindung. Puenzo ist klug genug, die anderen Figuren neben Alex nicht nur schnellschnittig zu skizzieren, sie haben eigene Geschichten. Die von Alvaro und seinem Vater ist eine über die Unfähigkeit zu lieben, eine über bittere Gleichgültigkeit. Da ist es regelrecht schön, daß gerade bei der "Problemfamilie" Eltern im Mittelpunkt stehen, die dem Wunsch aufrichtig nachgehen, ihr Kind glücklich zu sehen. Puenzo ist auch eine gute Inszenatorin, die wohlüberlegte Metaphern zu streuen versteht. Zu Anfang des Films bestimmt der Vater, der als Meeresbiologe arbeitet, das Geschlecht einer verletzten Schildkröte: "Weiblich!" Puenzo impliziert darin die große Unsicherheit - wenn es doch nur immer so einfach wäre! Sie schützt damit ihren Titelhelden, der bei hörigeren Eltern längst unter die Messer der Ärzte gekommen wäre, die ihre Interpretation von Normalität als die einzig gegebene betrachten.

Und so läßt Puenzo den Teenager Alex und gleichsam dessen Eltern wachsen, was ihr unpathetisch, komplett kitschfrei und dabei so berührend gelingt. Das zeigt sich in kleinen, feinen eingewebten Gesten, in etwa wenn Alex zum Filmende ganz beiläufig den Arm seines Vaters um sich legt.

Originaltitel: XXY

Spanien/F/Argentinien 2007, 86 min
Verleih: Kool

Genre: Drama, Erwachsenwerden, Schwul-Lesbisch

Darsteller: Inés Efron, Ricardo Darin

Regie: Lucía Puenzo

Kinostart: 26.06.08

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.

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