Iranische Filmtage

06.05.–09.05.2015

Cinémathèque

iranische-filmtage.eurient.info




Bild: Modest Reception

Interkultureller Dialog und starkes Kino

Ein Blick auf die Iranischen Filmtage

In der Pressemitteilung ist zu lesen: „Der Iran wird in der aktuellen Mediendebatte oft einseitig dargestellt, Ressentiments und Vorurteile sind die Folge.“ Ihnen filmisch zu begegnen, hat Leipzigs aufgeschlossenes Publikum nun vier Abende lang Zeit, darf sich dabei an Diskussionsrunden beteiligen, Einführungen lauschen, ein kulturelles Rahmenprogramm erleben – und natürlich Filme sehen.

Tief in die Materie steigt IRANIAN hinab, hier lädt ein säkularer Iraner vier Mullahs plus Familien zum tagelangen Gespräch über Religion, Freiheit, Frauen in der Öffentlichkeit et cetera. Meinungen prallen aufeinander, Argumente werden mutwillig umgedreht und als Waffe benutzt, Gattinnen huschen nur am Rande durchs Bild, wenn überhaupt. Es entsteht ein sperriges, anstrengendes, aber auch informatives Experiment, für welches der Filmemacher einen hohen Preis zahlt. Generationskonflikte und Aufbrüche thematisiert BENDING THE RULES – eine junge Teheraner Theatergruppe plant ihren großen Auftritt, wovon allerdings die Eltern nichts wissen dürfen. Als die Hauptdarstellerin dennoch den Vater einweiht, kommt es zum bitteren Streit ebenso wie zum Eklat innerhalb des Ensembles. Lange Einstellungen sowie ausgedehnte Dialoge zeichnen das Bild einer Gesellschaft mit Individualismusdefiziten.

Stark bleibt MANUSCRIPTS DON’T BURN auf der Netzhaut haften. Der von wahren Ereignissen inspirierte, aus Sicherheitsgründen Cast und Crew verschweigende Politthriller folgt zwei Auftragskillern. Diese sollen einige regimekritische Schriftsteller zum Schweigen bringen, weil ein extrem brisantes Manuskript existiert, das bei Veröffentlichung höchste Wellen schlagen würde. Auf plakative Effekte verzichtend, entwirft der Film einen bedrückenden, an die Substanz gehenden Moloch aus Folter und Gewalt, zeichnet die beiden Männer sogar relativ menschlich (einen treiben Sorgen um den kranken Sohn um) und läßt schließlich final einen besonders grausamen Mord außerhalb der Kamera geschehen. Spätestens dann läuft selbst besonders hartgesottene Zuschauer die fassungslose Gänsehaut über den Rücken.

Ähnlich nachhaltige Wirkung entfaltet MODEST RECEPTION, obwohl er zunächst als schräge Komödie punktet: Ein Städter-Pärchen fährt durch die eher einsamen Berge und verteilt prall mit Geldscheinen gefüllte Tüten an die wenigen Bewohner. Oder versucht es zumindest, denn – abgesehen von vereinzelt auftretender Gier – so recht will keiner die großzügigen Geschenke annehmen, weshalb die edlen Spender zu allen möglichen Tricks greifen müssen. Nach hinreißend komischem, heftig schrägem Beginn gerät der Handlungston immer dunkler, zynischer, bis eine erkaufte Babyleiche schließlich den filmischen Höhe- und menschlichen Tiefpunkt bildet. Ob der in nur einer einzigen Einstellung gedrehte Thriller FISH & CAT gleichsam überzeugt, können wir mangels Vorabsichtung nicht beurteilen und empfehlen daher den Überraschungsbesuch. Zwei Kurzfilmabende runden letztlich ein Programm ab, dessen Einladung zur Auseinandersetzung man annehmen sollte.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...


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