Originaltitel: CALLAS – PARIS, 1958

F 2023, 90 min
FSK 6
Verleih: Piece Of Magic

Genre: Dokumentation, Musik

Regie: Tom Volf

Kinostart: 30.11.23

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Callas – Paris, 1958

Die Diva ergreift sich und uns

Zum 100. Geburtstag Maria Callas’ kommt ein legendärer Auftritt auf die Leinwand, von wiederentdeckten Originalbändern gezogen, auf ihre Darbietung reduziert, des Drumherums à la minutenlange Ovationen bereinigt und 4K-restauriert. Sinnstiftend bei 16mm-Ausgangsmaterial? Egal! Und bedurfte es einer Kolorierung, welche die Aufmerksamkeit fest auf blaues Lidschattengebälk lenkt? Geschenkt! Spektakuläres zu sehen gibt’s beim konzertanten Reihen ewiger Gassenhauer eh wenig, wenn Callas im steten Broschengriff verharrt, manchmal die Stola enger zieht, zu Hals oder Stirn greift, der Blick am Abgrund flackert. Eine fürwahre Tragödin der damaligen, nunmehr alten Schule. Die Kommentatoren verkneifen sich derweil nicht einen Hinweis auf ihren (krankheitsbedingten) Aufführungsabbruch Anfang des Jahres in Rom vor Präsident Gronchi inklusive der spitzen Frage: Singt sie heute? Die Diva hatte Knackse weg.

Aber die Angezählte lodert, entflammt das Auditorium. Erst als Norma – keiner Kehle entströmte „Casta Diva“ je berückender, Punkt! Dann schließen Verdis dunkle Melodienfülle und Callas’ stimmliche Kunst in Person Leonoras aus „Il trovatore“ eine Himmelsverbindung, bevor die Verismo-Göttin mit „Una voce poco fa“ Rosinas amourösen Ehrgeiz zu ihr bestens stehendem neckischen Leben erweckt: Die Koloraturen sitzen, Belcanto kann sie also – klar – genauso. Ein mitten in die Arie geblökter Begeisterungsruf beweist nebenher, daß humane Dummheit und Geltungssucht keineswegs moderne Auswüchse sind.

Final folgt der visuell erneut unspannende, weil museal inszenierte 2. „Tosca“-Akt, eine eventuell seltsam anmutende, indes pragmatische Wahl, hat die Sopranistin doch im 1. kaum zu tun und stiehlt im 3. „E lucevan le stelle“ des Tenors alle Show, wohingegen sie hier „Vissi d’arte“ weinen darf. Und wie! Georges Sébastien dirigiert den Puccini-Pomp adäquat, Callas’ regelmäßiger Bühnenpartner Tito Gobbi trägt einen exzellenten Scarpia bei. Dazu schimmert aus dem Zusammenspiel Vertrauen, in das sie sich fallen lassen konnte, vielleicht kurz mal nicht „auf der Rasierklinge lebte“ (Ingeborg Bachmann). Gobbi sprach nach Callas’ frühem Tod: „Ich glaubte immer, daß sie unsterblich sei – und sie ist es.“ Ob dies der zuletzt so einsamen Seele Streben war, sei dahingestellt. Man darf und sollte sich allerdings von der Wahrheit seiner Worte überzeugen.

[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...