Österreich/F/D 2022, 116 min
FSK 12
Verleih: Neue Visionen

Genre: Drama

Darsteller: Michael Thomas, Tessa Göttlicher, Hans-Michael Rehberg, Georg Friedrich

Regie: Ulrich Seidl

Kinostart: 06.10.22

1 Bewertung

Rimini

Schunkeln mit Ulrich Seidl: Eine singende, klingende Apokalypse

Es ist eine Weile her, daß man im Kino einem neuen Film von Ulrich Seidl zu begegnen das Vergnügen hatte. Wer aber dessen Œuvre kennt, wird das „Vergnügen“ vorsichtshalber in Anführungszeichen setzen. Vor sechs Jahren erschien SAFARI, jenes vom österreichischen Autorenfilmextremisten selbst als „Urlaubsfilm über das Töten“ bezeichnete Dokumentar-Jagdstück, das einem Kritiker das Alarmwort „Tötungsporno“ aus dem geschüttelten Kopf fallen ließ. Jetzt, endlich, kommt auch wieder ein Spielfilm aus Seidls Kopfschüttel-Universum auf die Leinwand – eine volle Dekade nach seiner PARADIES-Trilogie.

Von den Paradiesen dieser Welt scheint er einfach nicht genug zu bekommen. Rimini, seit Mitte des 19. Jahrhunderts von Strandlatschen breitgetrampelter Sehnsuchtsort des paneuropäischen Badetourismus, liefert mithin nicht nur Filmtitel und Schauplatz, sondern versteht sich auch als Programm. Denn nach der Saison, wenn der Schnee auf den Palmwedeln glitzert und eisiger Wind über die Promenaden fegt, wird die adriatische Küstenperle zu einem dieser Seidlschen Schrebergärten Eden, in denen der Glaube klein, die Liebe bescheiden und die Hoffnung unbegründet ist. Irdisch eben. Das Seidl-Rimini wird zur sprechenden Kulisse für eine echte, in diesem Fall sogar singende Seidl-Figur par excellence, einen aus der Form und aus der Spur geratenen Untergeher. Einst, als das Geld und das goldene Bühnenkostüm noch lockerer saßen, kaufte sich der Schlagerstar Richie Bravo hier eine Villa. Möbel und Dekorationsobjekte stammen aus seiner „großen Zeit“, die wohl in den 80ern gewesen sein muß. In die österreichische Heimat reist er nur, wenn es sich nicht vermeiden läßt. Die Beerdigung der Mutter ist so ein Anlaß, und weil Richie und sein Bruder praktisch veranlagt sind, besuchen sie bei dieser Gelegenheit auch den dementen Vater im Pflegeheim – eine steife, in Floskeln absolvierte Begegnung und als solche offensichtlich Familientradition.

Aber ach, das vielgerühmte Österreich holt Richie auch in Rimini ein. Es kippt ganze Busladungen treuer Fans in die Strandhotels, vor allem schmachtende Damen fortgeschrittenen Alters, die dem Schwarm jedes „Amore mio“ von den Lippen lecken wollen. Manchmal leckt Richie zurück, mit dem Kopf voran zwischen bestrapsten Schenkeln, deren Besitzerinnen sich mit Zuwendungen bedanken. Eines Tages mischt sich ein junges Gesicht unter die Claqueurinnen. Seine nie versiegende, nicht durch Schnäpse noch Biere zu dämpfende Libido springt an. Die Abfuhr fällt deutlich wie überraschend aus. Denn Tessa ist nicht nur vergeben, und zwar an einen bedrohlich stillen Araber. Sie ist Richies Tochter und stellt Forderungen.

Seit der Premiere auf der jüngsten Berlinale wabert ein neues Alarmwort durch die Kritiken: „altersmilde.“ Ein Vorwurf? Ein erleichtertes Hat-ja-gar-nicht-wehgetan? Und trifft das auf RIMINI überhaupt zu? Freilich, mit so viel Edelschimmel im Mund, Schlagersüße auf der Zunge und Vibrato-Schmalz in der Kehle hat man einen Seidl-Film noch nie verlassen. Das mag so manchen scharfkantigen Angriff auf das eigene Geschmacks- und Schmutzempfinden abrunden, wenigstens auf den ersten Blick.

Wer aber genauer schaut, und dazu zwingen einen Wolfgang Thalers mit aller geometrischen Strenge fotografierten und zentrierten Bilder, wird darin nichts weniger als eine schwungvolle Ausholbewegung erkennen: Der Morgenstern kreist und kreist und … schlägt ein. Diesmal erwischt Seidl gleich ganz Europa, und zwar in dessen pathologischer Besessenheit von Grenzen. Links Italien, rechts Österreich? Von wegen! Der Riß, aus dem Seidl mit aller ihm zur Verfügung stehenden Perfidie den Kitt herauspuhlt, verläuft vertikal. Oben schunkeln sich die Greisen und Siechen zu volkstümelndem Liedgut ins Nirwana. Von den Rändern des Kontinents krauchen junge Fremde herauf, lagern in Seitengassen, auf Brachflächen und in sämtlichen Ecken dieses blitz- und donnergescheiten Films.

[ Sylvia Görke ]