Österreich/D/F 2016, 73 min
FSK 0
Verleih: Salzgeber

Genre: Dokumentation

Regie: Robert Bober

Kinostart: 09.03.17

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Wien vor der Nacht

Flaneur durch die Vergangenheit

Den Anfang macht eine Szene aus Max Ophüls LA RONDE, der 1950er Verfilmung von Arthur Schnitzlers Bühnenstück „Reigen.“ Der österreichische Schauspieler Adolf Wohlbrück ist zu sehen, in einer Plansequenz, so elegant wie Wohlbrück selbst, der dabei jene Schnitzler-Worte in die Kamera spricht, die gleichsam ein Motto sind: „Ich vergöttere die Vergangenheit ...“, ist da zu vernehmen, „ ... die ist so viel beruhigender als die Gegenwart. Und so viel sicherer als die Zukunft.“

Davon nun, die Vergangenheit zu „vergöttern“, ist Robert Bober sicherlich weit entfernt. Und doch steigt der 1931 in Berlin geborene und seit 1933 in Frankreich lebende Bober, seines Zeichens Autor und Dokumentarfilmer, jetzt in WIEN VOR DER NACHT einmal mehr in die Vergangenheit hinab. Reist nach Wien, diese Stadt, die in ihrer sehr speziellen Mischung aus pittoresk und morbide das Vergangene zu konservieren scheint. Geht auf Spurensuche nach dem Urgroßvater Wolf Leibl Fränkel, der als osteuropäischer Jude und Blechschmied nach Amerika auswandern wollte, auf der Überfahrt erkrankte und deshalb von Ellis Island aus stehenden Fußes zurück nach Europa geschickt wurde. Wien war die Stadt, in der Fränkel schließlich Heimat finden, Wurzeln schlagen, eine Familie gründen sollte. Jenes pulsierende, weltoffene Wien, das zu diesem Zeitpunkt ein auch kulturell-geistiges Epizentrum war, eine inspirierende Metropole nicht zuletzt dank einer lebendigen jüdischen Gemeinde.

Es sind vor allem die Dekaden vorm Einbruch der Nacht, vorm nationalsozialistischen Delirium der Stupidität und Brutalität, denen Bobers Filmessay nachspürt. In einer Mischung aus Wien- und Familienporträt entspinnt sich eine Spurensuche im Gestus des intellektuell versierten Flaneurs. Autoren wie Roth, Schnitzler, Zweig werden in den Zeugenstand gerufen. Kafka wird zitiert, mit Peter Altenberg das Treiben im Kaffeehaus beobachtet, auf Friedhöfen Gräber der Vorfahren gesucht. Und mit Thomas Bernhard der „Heldenplatz“ gequert, denn natürlich: Die Nacht, ihr Hereinbrechen, kann nicht ausgespart bleiben. Bobers filmische Wien-Beschwörung gerät somit auch zu einem Kaddisch. Einem Gebet für die Toten, die Ermordeten der Familie – und auch für diese Stadt, die nie mehr das sein wird, was sie war „vor der Nacht.“

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.