D/Österreich 2017, 94 min
FSK 12
Verleih: Zorro

Genre: Drama, Schicksal

Darsteller: Susanne Wolff, Gedion Odour Wekese, Alexander Beyer

Regie: Wolfgang Fischer

Kinostart: 13.09.18

9 Bewertungen

Styx

Zwischen uns das Meer

Man muß gleich folgendes zu diesem Film schreiben: Selten wurde derart packend, aufwühlend und in kluger Reduktion der Mittel von Mut erzählt. Und von Feigheit und Arroganz. Mindestens mutig ist die Ärztin Rike. Im Arbeitsalltag resolut und ganz die Ruhe, selbst dann, wenn es um Leben und Tod geht. Mit gleicher Souveränität, mit gleicher Akribie, mit der sie Leben auf den Straßen der Großstadt rettet, bereitet sie den Segeltörn auf dem Atlantik in Richtung Afrika vor, auf den sie sich allein begibt.

STYX zeigt eine Frau und das Meer, zwischen berauschendem Einhandsegeln und teils kräftezehrendem Überlebenskampf, wenn die Stürme mal wieder übernehmen. In der persönlichen Einsamkeit, in der Zweisamkeit mit der unbeherrschbaren See holt Rike die irdische Lebensrealität ein, als sie in noch sicherer Distanz einen schrottreifen Fischkutter mit unzähligen Menschen an Bord ausmacht, worauf sie die Küstenwache alarmiert, stundenlang auf die angekündigte Hilfe wartet, schließlich den 14jährigen Flüchtlingsjungen Kingsley vor dem Ertrinken rettet, an die ignoranten Behörden ein letztes, ihr eigenes Sinken vortäuschendes Rettungssignal schickt, bevor sie gemeinsam mit Kingsley den Trawler kentert ...

Der Blick in das endtraurige Gesicht des Jungen, diese unfaßbare Verzweiflung, da er beim Sprung ins Wasser seine Schwester auf dem Kutter zurückgelassen hat, diese ins Mark fahrende Selbstzerfleischung Rikes, was denn das Richtige zu tun wäre, diese Zerrissenheit, weil sie auf die Fragen des Jungen einfach keine Antwort hat, all das macht STYX zu einem hochspannenden Kinostück, zu einem Film als wütende Spiegelung unserer aus den Fugen geratenen Welt, zu einer anklagenden Abrechnung mit dem Hochmut und der Lebensfremdheit der Mächtigen.

STYX gelingt es, was Zahlen nicht wirklich können. Denn natürlich wissen wir um die 3.000 Menschen, die allein in 2017 das Mittelmeer verschluckt hat, echte Empathie, wahres Mitempfinden kann diese Mathematik des Massensterbens eher nicht auslösen. Dem Regisseur Wolfgang Fischer gelingt trotz der Weite des Meeres eine Intensität auf engstem Raum, er gibt der puren Not durch Kingsleys Blick und seinen malträtierten Körper wirkungsvoller ein Gesicht, als es Zahlen, Analysen und Zeitungsberichte, an die wir uns eh in aller Bequemlichkeit gewöhnt haben, könnten. Ein Gesicht, das uns verfolgen wird.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.