D 2021, 96 min
Verleih: Filmwelt

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Corinna Harfouch, Daniel Sträßer, Joachim Król

Regie: Natja Brunckhorst

Kinostart: 26.05.22

  • Film des Monats

Alles in bester Ordnung

Die Dinge des Lebens

Vom deutschen Kino lernen, heißt siegen lernen. Ja gut ... man hat halt manchmal so Fieberträume. Doch dann passiert es wirklich! Ganz plötzlich ist es mal andersrum, und nicht wir müssen zu den Nachbarn schielen, um dann von hinreißenden Filmen – wohlgemerkt meist gut geratene – Remakes à la DER VORNAME oder CONTRA zu drehen. Denn Natja Brunckhorst hat einen rausgehauen (wobei aus dem Herzen geschrieben tatsächlich besser paßt!), bei dem sich garantiert selbst die cinephilen Franzosen die Finger lecken und ziemlich sicher bald ihr eigenes Ding daraus machen werden. Nicht, daß der Film das braucht, aber ALLES IN BESTER ORDNUNG ist erfrischend originell, saugut geschrieben, wartet mit pointierten Dialogen auf und ist universell, so daß jede Filmnation verrückt wäre, würde sie nicht ... Und: Der Film traut sich eben auch im thematischen Tiefenlot mehr als üblich, über den formidablen Cast schreibe ich später.

Doch worum geht es? Marlen lebt allein und recht beengt. Ja, sie ist schon eigen, weint auch mal spontan, wenn etwas kaputtgeht, empfindet generell mehr Mitleid mit den Dingen als bei Menschen, und daher wundert es wenig, wenn sie, nach ruppigem Kennenlernen, mit Fynn, der über ihr wohnt, an der Müllsammelstelle wie irre an einer Lampe zerrt. Er will sie wegwerfen, sie spürt wieder diesen Tränenimpuls – Marlen ist Messie. Auch wenn es in ihrer Wohnung nicht müllig aussieht, eher wie in einem Antiquitätenladen, kann sie doch selbst kaum noch einen freien Schritt in diesem Sammelsurium tun. Selbstverständlich kanzelt Marlen Lieferanten an der Türschwelle ab und zerrt die tonnenschwere Waschmaschine lieber eigenhändig in die Bude.

Und dieser Fynn, ja, auch eine komische Type, der wird eher nervös, wenn er von irgendwas zu viel hat, er braucht Bewegung, Freisein, porentiefe Reinheit. Ich meine, was soll man von einem halten, der sich zum neunten Geburtstag einen Staubsauger wünscht? Einen Staubsauger! Und daß die beiden überhaupt aufeinandertreffen, liegt neben der klugen Autorin Brunckhorst an einem Wasserschaden in Fynns Wohnung, woraufhin er bei Marlen klingelt, sie zur Seite schiebt, das Tropfen von der Decke auf russische Bücher bemerkt, sich nur kurz umsieht und recht nüchtern ob der vollen Hütte meint: „Interessantes Lebenskonzept.“ Woraufhin Marlen zurückfaucht ...

Brunckhorst erzählt vom Zusammenfinden zweier grundsätzlich verschiedener Menschen, bei denen sie doch behutsam, mit wunderbarem Witz und großer Empathie einige Gemeinsamkeiten freiziseliert. Sie sind beide Meister im Bepudern ihrer Wunden, und sie sind allein. Entweder als Los oder eben aus freier Entscheidung, beiden macht dabei auf eigenwillige Weise eine diffuse Leere Angst, sie haben sich daher für starre Fahrrinnen im Leben entschieden. Großartig verweist ein Gespräch Marlens mit einer Kioskbetreiberin darauf, was der ewige gleiche Trott über den Menschen auszusagen vermag ... Der Film legt frei, daß es nicht wenige von uns gibt, die sich lieber die Antworten bei anderen abholen, da wir oft zu feige sind, uns selbst die unbequemen Fragen zu stellen. Und selbst dieses behutsame Annähern der zwei wird durch die starken und eben auch festgefahrenen Charaktere immer wieder torpediert, was dem Film ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit gibt.

ALLES IN BESTER ORDNUNG ist ganz sicher feinstes Unterhaltungskino und doch noch viel mehr als das. Weshalb diesem ungewöhnlichen Gespann am Ende auch mehr zugetraut wird, als die übliche Übereinstimmung in grundsätzlichen Dingen. Was genau, liegt jedoch im Auge des Betrachters – sehr reizvoll erdacht!

Zu den weiteren Stärken dieses auch wirklich anrührenden Films gehört der Cast: Der vor allem vom Wiener Burgtheater bekannte Daniel Sträßer als Fynn hat auch auf der Leinwand eine physische Präsenz, die total einnimmt, Sträßer kann auch im Gegensatz zu vielen recht jungen Schauspielern noch richtig sprechen, den will man ab jetzt einfach öfter sehen. Die wahre Überraschung aber ist Corinna Harfouch – von mir zwar ohnehin hochgeschätzt, aber hier noch einmal ganz neu entdeckt. Weil es ihr und der Regie gelingt, daß sie all die Ticks und Mätzchen, die sich in so einer langen Karriere wohl einfach einschleichen, hier nun total vermeidet, sie agiert mutiger, freier, verspielter, auf den Punkt sowieso. Durch dieses Freischwimmen werden Marlens Wut und Traurigkeit, aber auch Trotz und Scham regelrecht nachfühlbar, man glaubt ihr einfach.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.