Originaltitel: LE CHANT DES FORÊTS

F 2025, 93 min
Verleih: Pandora

Genre: Dokumentation, Natur

Regie: Vincent Munier

Kinostart: 19.02.26

Das Flüstern der Wälder

Was uns ausmacht

Zweite Chancen. Das gilt unbedingt auch im Kino und für Vincent Munier. Der Filmemacher und Tierfotograf war maßgeblich an DER SCHNEELEOPARD beteiligt, einem arg verquasselten, selbstgerechten und demutfreien Belehrstück, aber Munier hat nach all dem filmischen Geschwätz dazugelernt und mit DAS FLÜSTERN DER WÄLDER einen geradezu elegisch-schönen Film geschaffen. Er ist zwar noch immer nicht dem kompletten Schweigen zugetan, aber der Redseligkeit des erwähnten Films erlag Munier gottlob kein zweites Mal. Und er läßt neben der titelgebenden Flora andere, dabei eher raunend zu Wort kommen, Vater und Sohn bilden mit ihm den personellen Rahmen einer Naturbeobachtung in reduziertem Setting.

Drei Generationen wärmen sich in einer Waldhütte, erzählen von der Schönheit der üppigen und schützenswerten Fauna und Flora und begeben sich gemeinsam auf Expedition. Die ersten Bilder eines atmenden, regelrecht dampfenden Waldes – dafür wurde das Wort „majestätisch“ erfunden! Und zur Unterstreichung dessen verließ sich Munier klugerweise auf das Können des großartigen Musikers und Nick-Cave-Mitstreiters Warren Ellis.

Der Film appelliert an die Sinne, das zeigt sich im behutsamen Gleiten über Moose und Flechten, in einer sanft ansteigenden Geräuschkulisse aus Zwitschern, Rufen, brechenden Ästen und knackendem Unterholz und löst ein dankbares stilles Staunen aus. Dabei erfordert der Film (lohnenswerte) Geduld beim Zuschauer, aber genau darum geht es ja, Munier ist an einer Rückbesinnung gelegen, es geht um das, was uns ausmacht, der Wald als Textur unseres Lebens, Munier schuf quasi einen Ursuppen-Exkurs ohne übergroße Pädagogik. Schon daher empfiehlt sich der Film allen gestreßten Eltern, die noch interessiert sind, daß der Nachwuchs eben nicht komplett über Smartphones verelendet.

Es sind immer wieder diese hingetupften Aufnahmen von leuchtenden Augen im Dunkeln und wie aus dem Nichts auftauchenden Tieren, von Baumkronen wie Kathedralen und das Wasser überquerenden Hirschen, die einem das Herz weiten, diese wirklich faszinierenden Schatten- und Silhouettenspiele als demütiger Blick auf die lokale Fauna vornehmlich der Vogesen wie Dachse, Füchse, Eulen und Luchse. Munier gelingen regelrecht kunstvolle und selten zuvor gesehene Naturaufnahmen, manches erinnert in seiner Feinheit an Scherenschnitte, aus bewußt gesetzten Unschärfen entsteht fiebrige Spannung. Und auch wenn Munier sicherlich aktueller informiert hätte sein können, was die wohl mittlerweile obligatorischen Ausführungen zum menschengemachten Klimawandel angeht, gibt er dieses Mal nicht den drohenden Mahner, er setzt auf die Erkenntnis, daß es die Natur ist, mit der wir achtsam leben oder untergehen.

DAS FLÜSTERN DER WÄLDER ist auch Aufruf zum Wiedererlangen der Fähigkeit zur Kontemplation, bezwingend, wie sich das Team nach Norwegen aufmacht, um einen Geistervogel nach nächtelangem Ausharren zu sehen, in all seiner fast urzeitlichen Schönheit – den raren Auerhahn. Und der alte Munier scheut sich in seiner Lebensklugheit auch nicht vor Widersprüchen. So bemerkt Vincents Vater Michel, daß wir mitten in dem sind, was leider vergeht, sinniert aber kurz darauf, daß in der Natur ja eh alles in Bewegung ist. Eben.

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.