Originaltitel: MARTY SUPREME

USA 2025, 149 min
Verleih: Tobis

Genre: Drama, Sport

Darsteller: Timothée Chalamet, Gwyneth Paltrow, Odessa A’zion, Abel Ferrara

Regie: Josh Safdie

Kinostart: 26.02.26

  • Film des Monats

Marty Supreme

Ein gehetzter Träumer

Schon im Vorspann ist klar, daß man hier etwas Außergewöhnliches zu sehen bekommt. Zu Alphavilles „Forever Young“ zappeln Spermien über die Leinwand, ehe sich eine befruchtete Eizelle in einen Tischtennisball verwandelt. Das Wunder ist perfekt! Jugendliches Kraftstrotzen und ein Moment des sexuellen Leichtsinns explodieren im Rausch einer Schöpfungsphantasie. Aber was meint diese Schöpfung anderes als die einer großen Karriere? Was sollen ein Kind, eine Familie, was sollen die profanen, fleischlichen Genüsse dem entgegensetzen? Damit sind die Konflikte vorprogrammiert, und eine ungewollte Schwangerschaft ist erst der Anfang.

Josh Safdie knüpft mit MARTY SUPREME an adrenalintreibende Belastungsproben à la GOOD TIME und DER SCHWARZE DIAMANT an, die er mit seinem Bruder Benny inszeniert hat. Herausgekommen ist nichts weniger als ein Meisterwerk. MARTY SUPREME ist nicht nur ein interessantes Sittengemälde über das New York der 50er-Jahre. Er ist Systemanalyse, Charakterporträt, ein vor Intensität und Schweiß triefendes Sportlerdrama mit Tischtennis-Sequenzen, wie man sie so packend vielleicht nie im Kino sehen konnte.

MARTY SUPREME ist ein Film über all jene, denen man versprochen hat, daß sie hoch hinauskommen, wenn sie sich nur genug anstrengen. Das Greifen nach den Sternen soll überhaupt die einzige Möglichkeit sein, einem tristen Dasein voller entfremdeter Arbeit entfliehen zu können. Was kostet es also, sich dieser Illusion auszuliefern? Timothée Chalamet spielt den jungen Marty Mauser, der im Schuhgeschäft seines Onkels arbeitet, aber alles dafür geben will, das Gesicht des prophezeiten Tischtennis-Booms in den USA zu werden. Zunächst zieht es ihn nach London, wo er die British Open gewinnen will. Als er jedoch merkt, wie schwer sein Ziel zu erreichen ist, kochen die Emotionen über. Nach seiner Rückkehr nach New York wird das Gewinnstreben des jungen Mannes zum regelrechten Wahnsinnstrip.

Chalamet tritt hier als gehetzter Träumer auf, der in einer mißlichen Lage nach der anderen versucht, seine Schulden zu tilgen. Nebenbei wird er mit seiner bevorstehenden Vaterrolle konfrontiert. Er gibt den Showmaster, der verstanden hat, wie man es mit Dreistigkeit und Grenzüberschreitungen in den Mittelpunkt schafft. Beispielsweise beim ersten Gruppenbild mit den Kämpfern aus aller Welt: Sein Lächeln muß natürlich am breitesten sein, um herauszustechen. Und daneben läßt es sich der Schwerenöter nicht nehmen, eine Schauspiel-Diva, gespielt von Gwyneth Paltrow, zu verführen, die nicht weniger fatal in die Kreisläufe des Dienens, Durchschlagens und inszenierten Scheins verwickelt ist. Chalamet ist aber auch der kleine Junge, der sich vor den Mächtigen reumütig entblößt. Der ungezogene Bengel soll Haue bekommen!

MARTY SUPREME erzählt damit von einer Ordnung, in der sich die selbsternannten und erklärten Stars immerzu der Logik und den Narrativen von Staat, Kulturindustrie und Kapital unterwerfen müssen. In einem seiner plakativeren Momente macht der Film selbst vor einem Vampirismus-Bekenntnis nicht halt, wenn er die immerwährenden, uralten Gefälle zwischen Profiteuren und Mittellosen, Machthabern und Abhängigen entlarven will. Selfmade-Ideologie und Durchhaltefloskeln werden dabei penetrant und nervös dahingeplappert. Die Vorstellung, für das eigene Leben und die eigenen Umstände selbst verantwortlich zu sein, soll den letzten Halt für eine kollabierende Biographie bieten. In Wirklichkeit wird man von einem Zwang, einer Gaunerei zur nächsten geschleift, und es ist eine Wucht, wie treibend Safdie all die Eskalationen in Szene setzt. In diesem New York sind der Holocaust und Zweite Weltkrieg noch nicht überwunden und spülen fiebrige Bilder nach oben.

Und dann wandelt noch Kult-Regisseur Abel Ferrara in einer Nebenrolle durch die Szenen, als sei er ein Wiedergänger und Repräsentant seiner eigenen urbanen Filmalpträume, die hier wachgerufen werden. Allein die Badezimmerszene, in die seine Figur verwickelt wird, muß man einfach erlebt haben.

[ Janick Nolting ]