Editorial 03/26

[ 05.03.2026 ] Mein Freund und geschätzter Kollege Andreas Körner schreibt in seiner Rezension zu ON THE WAVE von der wohl schönsten Nebenwirkung des Kinos – der Teilhabe am Leben anderer. Leben, die oft so ganz anders verlaufen oder komplett konträre Herausforderungen bereithalten als eben das eigene. Für mich ist das häufig gar der Hauptgrund, ins Kino zu gehen, aus Neugier, aus Empathie, aus Zuneigung zu Menschen, die Dinge wuppen, die ich mir für mich persönlich nicht einmal vorstellen möchte, die sich Nöten stellen, von deren Wucht man selbst kaum eine Vorstellung zu haben vermag. Dieses individuelle Übersichhinauswachsen imponiert mir einfach, und im März gibt es zur Teilhabe reichlich Gelegenheit, der Monat wimmelt vor interessanten Persönlichkeiten.

Der 15jährige DJ AHMET sei unbedingt erwähnt, geboren mitten in Europa und doch irgendwie am Ende der Welt, die Mutter tot, der Vater zu streng, der kleine sprachlose Bruder auf Verständnis angewiesen. Und der Schafhirte Ahmet hat ein wahrlich großes Herz – für das Geschwisterkind, für die Musik und bald auch für die hübsche und aufmüpfige Aya ... Dieses sich Freistrampeln, Nichtzufriedengeben, dieser Glaube an ein besseres Leben und dieser scheue, aber beharrliche Glaube an die Liebe – imposant und mitreißend.

Oder der auf den zu schnellen Blick als Antiheld auszumachende Colin in der großartigen Sex- und Liebesgeschichte PILLION, der kriecht einem auf Umwegen ins Herz und erobert dieses genau dann, wenn er sich selbst zu sehen beginnt. Colin ist an sich einer, der es liebt, Grenzen aufgezeigt zu bekommen, nimmt sich irgendwann aber für sich heraus, diese Linien nach seinem emotionalen Gusto zu verschieben. Total einnehmend, dieser Kerl. Und an Maria Ángeles muß ich denken, die sich bis ins hohe Alter treu bleibt und für sich in dem sanften und trotzdem so kraftvollen Film CALLE MÁLAGA das Recht auf Selbstbestimmung beansprucht – und sich bei aller Liebe zu ihrer Familie nicht entwurzeln läßt. Toll!

Und ich habe es geliebt, in die nun wirklich alles andere als harmonischen Leben der Mädchen in JUNGE MÜTTER einzutauchen, weil die Dardenne-Brüder sie nicht aus Opfer-, sondern eher aus der Kämpferperspektive zeichnen. Sie sind oft in ihrer Schwäche stark, zudem in der Lage, für uns als Zuschauer sehr krasse und kaum auszudenkende Entscheidungen zu treffen, es sind eben Mütter! Wenn auch wirklich sehr junge, die mal klug, mal instinktiv empfinden, welches Leben für ihre Kinder das mindestens besser zu ertragende sein könnte. Tiefster Respekt meinerseits. Und ich könnte fortfahren ... empfehle aber lieber den direkten Gang dorthin, wo wir immer wieder den spannendsten Menschen und ihren Geschichten begegnen – ins Kino!

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.