Originaltitel: NOUVELLE VAGUE

F 2025, 105 min
Verleih: Plaion

Genre: Tragikomödie

Darsteller: Zoey Deutch, Guillaume Marbeck, Aubry Dullin, Matthieu Penchinat

Regie: Richard Linklater

Kinostart: 12.03.26

Nouvelle Vague

Es ist verrückt! Linklaters atemberaubende Hommage an Godards AUSSER ATEM

Über seine Arbeit als Regisseur ließ Jean-Luc Godard einmal verlauten: „Ich habe Filme gemacht wie ein Jazzmusiker: Man gibt sich ein Thema vor, man spielt, improvisiert – und irgendwie organisiert sich alles.“ Klingt gut. Nur: Was das heißt, also wie das aussieht im Arbeitsprozeß und im Ergebnis, ist dann gar nicht so leicht in Worte zu fassen. Denn ja: So was muß man eben sehen. Das ist nun mal so beim Kino. Umso schöner, daß es uns genau dort, im Kino nämlich, jetzt Richard Linklater einfach mal zeigt. Also, wie das aussieht, was Godard meint. Und wie speziell Godard das gemacht hat, damals, in den legendären Zeiten der Nouvelle Vague. Und so heißt dann Linklaters Film auch schlicht und programmatisch einfach NOUVELLE VAGUE – und ist einer, den nun wirklich alle sehen sollten, für die Kino noch irgendwie mehr ist als nur die Bilderberieselung zum Popcornmampfen.

Paris 1959: Da sitzen sie allesamt um einen großen Tisch in der Redaktion der „Cahiers du Cinema“ und hacken, hochkonzentrierte Berserker, ihre Filmkritiken in die Schreibmaschinen, rauchen wie die Schlote, diskutieren, was das Zeug hält und kreisen wie Trabanten um dieses großartige Gravitationszentrum namens Kino. Truffaut und Chabrol, Rivette und Rohmer und noch so ein paar andere von denen, die bald zu den einflußreichen Regisseuren des Kinos werden sollen. Mittendrin und immer obenauf Godard; 28 Jahre jung, streitlustig, dabei mit Zitaten aus Film und Literatur bewaffnet, intelligent, apodiktisch und nervig eitel. Und begabt! Nur, daß sich letzteres noch in der Praxis beweisen muß – mit einem eigenen Film. Die Gelegenheit dafür ergibt sich, als Truffaut mit SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN in Cannes für Furore sorgt – und Produzent Georges de

Beauregard spürt, das mit diesen Filmfreaks eine neue Ära anbrechen könnte. Oder wenigstens für eine bestimmte Zeit etwas Geld zu machen ist. Godard bekommt also seine Chance. AUSSER ATEM heißt der Film, den er dreht. Er wird Kinogeschichte schreiben.

Was während der Dreharbeiten mitnichten zu ahnen war. Offenbarten die doch eher ein wild orchestriertes Chaos aus Verspieltheit und Improvisation, von dem keiner so recht zu sagen wußte, wohin das überhaupt alles führen würde. Wie jetzt auch NOUVELLE VAGUE noch einmal aufs Schönste vorführt. Dabei mit souveräner Nonchalance diesen spezifischen Inszenierungs-Jazz Godards aufgreifend: Wie AUSSER ATEM zeigt sich auch NOUVELLE VAGUE in Schwarzweiß und im Bildformat 1:1,37, ist durchsetzt mit vielen ruppig schönen Jump Cuts, einer auch mal kontrapunktisch aufspielenden Musik auf der Tonspur (ein lässig fiebriges Mixtape aus Jazz und Chansons), mit den Posen, Gesten, Blicken, den Kameraschwenks und -fahrten, die inzwischen ebenso Kinoikonographie sind wie die Gesichter von Seberg und Belmondo; selbst eine Caméflex Éclair, mit der einst Raoul Coutard AUSSER ATEM filmte, kam beim NOUVELLE VAGUE-Dreh wieder zum Einsatz. Das ist doch verrückt, oder?

Aber ja, und wie! Das Verrückteste aber ist: Wie ungeheuer modern, präsent und leicht das aussieht. Wie viel Witz, Intelligenz, Stil und Sexappeal das hat. Anders gesagt: So inspiriert und gegenwärtig wie diese Hommage an einen 66 Jahre alten Film sieht das Gegenwartskino nur verdammt selten aus.

[ Steffen Georgi ] Steffen mag unangefochten seit frühen Kindertagen amerikanische (also echte) Western, das „reine“ Kino eines Anthony Mann, Howard Hawks und John Ford, dessen THE SEARCHERS nicht nur der schönste Western, sondern für ihn vielleicht der schönste Film überhaupt ist. Steffen meint: Die stete Euphorie, etwa bei Melville, Godard, Antonioni oder Cassavetes, Scorsese, Eastwood, Mallick oder Takeshi Kitano, Johnny To, Hou Hsia Hsien ... konnte die alten staubigen Männer nie wirklich aus dem Sattel hauen.