Originaltitel: ALPHA
F/Belgien 2025, 128 min
FSK 16
Verleih: Plaion
Genre: Drama, Mystery
Darsteller: Mélissa Boros, Golshifteh Farahani, Tahar Rahim, Finnegan Oldfield, Emma Mackey
Regie: Julie Ducournau
Kinostart: 02.04.26
Wer 1994 in der Pubertät steckte, für den (und machen anderen) mag Portisheads Debütalbum „Dummy“ ein Anker gewesen sein, als Soundtrack dieses Lebensgefühls zwischen Verlassenheit und Aufbruch, lähmender Dunkelheit und aufblitzendem Gleißen entlang der Suche nach Perspektiven eröffnenden Abzweigen, was nicht zwangsläufiges Entdecken bedeutet – Endstation Sehnsucht zwar erreicht, bitte trotzdem weitergehen. Und dann kam eben plötzlich Beth Gibbons daher, hauchte mit scheinbar letzter Kraft minimalistisch begleitete Textzeilen wie „I Got Nobody On My Side/And Surely That Ain’t Right“ oder „Never Found Our Way/Regardless Of What They Say“; man fühlte sich verstanden.
TITANE-Regisseurin Julia Ducournau, geboren Ende 1983, ist eigentlich zu jung, solche musikalischen Vergangenheitsblicke zu teilen. Dennoch reicht ihre Empathie weit genug, um gleich zu Filmbeginn Portisheads Song „Roads“ auf die Tonspur zu gießen. Oder zu wuchten? Das Gemüt zu attackieren? Nein, eine sofortige Verbindung zu Alpha zu schaffen, eine 13jährige, deren Namen höhnt: Das Mädchen geht nicht voran, steht nirgends an erster Stelle, selbst Alphas Mutter, völlig überarbeitete Ärztin, hat für das im Wortsinn ausgesprochene Liebesflehen ihrer Tochter keine echte Reaktion übrig. Und etwas zerbricht komplett.
Alpha flieht in Party, trügerische Pseudo-Anerkennung, läßt sich zugedröhnt ein Tattoo stechen. Mama rastet schier aus, hat allerdings gute Gründe, grassiert doch ein unerforschtes Virus, verwandelt seine Wirte langsam zu Stein, formt aus ihnen Marmorstatuen, denen Sand entrieselt. Erneut kann Ducournau nicht aus eigenem Erfahren schöpfen, das Aufkommen von AIDS erlebt haben, dankenswerterweise gingen Sterben, Angst und Sensationslust an ihr vorbei. Weniger Glückliche lauschten Erklärungen wie die eines Peter Gauweiler oder damals aufstrebenden Horst Seehofer – Erkrankte sollten in Heimen „konzentriert“ werden, auch eine Insel schien denkbar. Ducournau hörte eventuell aus ferner Zeit von die Behandlung rundweg verweigernden (Zahn-)Medizinern oder Kolleginnen, die wegen vermeintlich drohenden Beißrisikos die gesamtverfügbare Schwesternschaft am Stuhl plazierten. Oder solchen, denen vor Stammtischniveauneugier der Speichel floß: „Wissen Sie denn, woher Sie es haben?!“ Und trotzdem gaben die meisten Betroffenen ihren Status weiter wahrheitsgemäß an, aus Würde und dem unbedingten Willen, andere zu schützen. Ducournau inszeniert daraus weniger eine stringente Handlungsabfolge, nennt das HI-Virus nie beim Namen, tupft mehr ein Gesellschaftsgemälde, überträgt Stimmungen und wandelt konkrete Vorkommnisse zu abstrakter Atmosphärenschwingung, derweil Alpha durch eine neu hinzugekommene Ablehnungshölle geht, sie brandmarkt jetzt das Stigma möglicher Übertragung.
Das kann der Zuschauer losgelöst betrachten, sich schlicht der erzeugten Wirkung hingeben, etwa dann, wenn Alphas Mutter ihren infizierten Bruder behandelt und, unter elenden Schmerzen, ein Stück aus ihm bricht. Es steht aber genauso für die Therapie-Anfänge, versinnbildlicht Nebenwirkungen der oft quälenden antiretroviralen Medikation. Etwas, worüber sich heutzutage niemand mehr Gedanken machen muß, weswegen es durchaus dem Vergessen anheimzufallen droht, den einstigen Schrecken verliert – ein wahres Wunder, aber nicht ohne Pferdefuß.
Alphas erwähnter Onkel schenkt schließlich ihr und dem Plot emotionale Stabilität, weckt neuerliche Andenken, nun an Anthony Perkins’ nach seinem Tod verlesenes Vermächtnis, in welchem er der Krankheit Sinn attestierte: „Ich habe von den Menschen, die ich bei diesem großen Abenteuer in der Welt von AIDS getroffen habe, mehr über Liebe, Selbstlosigkeit und menschliches Verständnis gelernt, als es je in der halsabschneiderischen [...] Welt der Fall gewesen ist, in der ich mein Leben verbracht habe.“ Die erst fragile, dann zunehmend verzweifelt intensive Näherung zweier Ausgestoßener hebt ALPHA vollständig auf ein Level, das Kino selten erreicht, transportiert fast physische Spürbarkeit. Und ein letzter Gang als finale Fahrt durch blutroten Staub brennt sich auf Sehnerv und Seele. Vielleicht unauslöschlich.
[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...