Originaltitel: MICHAEL

USA 2026, 128 min
FSK 6
Verleih: Universal

Genre: Biographie, Musik

Darsteller: Jaafar Jackson, Miles Teller

Regie: Antoine Fuqua

Kinostart: 23.04.26

4 Bewertungen

Michael

Die Füße stillhalten

Eines der wenigen Wunder in MICHAEL geschieht im Jahr 1978. Das ist das Jahr, in dem aus dem Kind Michael Jackson der junge Mann Michael Jackson wird. Juliano Valdi, der Kinderdarsteller, wird dabei abgelöst vom älteren Jaafar Jackson, dem Neffen des „King Of Pop.“ In seiner ersten Einstellung steht er hinter einer Fensterscheibe, in der sich noch die Silhouetten der Außenwelt spiegeln. Man traut kurz seinen Augen kaum, so frappierend ist die Ähnlichkeit. Ist er es wirklich? Der Schauspieler wird nicht nur zum Surrogat und Doppelgänger, sondern auch zum Geisterbeschwörer. Jaafar Jackson hat sich dafür alles akribisch abgeschaut und angeeignet: die Moves, die Schritte, das kindliche Sprechen. Das Make-Up leistet sein Übriges, um Michael Jackson von den Toten wiederauferstehen zu lassen.

Nichtsdestotrotz erscheint das filmische Denkmal, das man dem Superstar hiermit errichten will, noch lange nicht fertig gebaut. MICHAEL erzählt das Leben von Michael Jackson nicht bis zum Tod. Das Biopic deckt lediglich eine Zeitspanne ab, die vom Ende der 60er- bis in die späten 80er-Jahre reicht. Es hangelt sich vom Durchbruch der Jackson Five bis zu Jacksons Emanzipation als Solokünstler. „His Story Continues“, heißt es dann im Abspann. Es wirkt wie eine Vertagung, ganz gleich, ob die Fortsetzung tatsächlich kommt oder nicht. MICHAEL findet bis zum Schluß seiner reichlich zwei Stunden Laufzeit keinen echten erzählerischen Groove. Alles bleibt ernüchternd oberflächlich und verknappt, eine erste Annäherung mit zu großen Berührungsängsten. Es ist ein ängstliches, ehrfürchtiges Werk, das in seiner Huldigung ja nichts falsch machen will und dadurch umso belangloser gerät. Alles, was für Gesprächsstoff sorgen oder gar am Mythos Michael Jackson kratzen könnte, wird ausgespart.

Nun ist gegen eine reine Tribute-Show nicht automatisch etwas einzuwenden. Schließlich kann man damit großes, ekstatisches Kino auf die Beine stellen. Baz Luhrmann hat es kürzlich mit seinem Elvis-Film EPIC vorgemacht. Wenig überraschend sind auch in MICHAEL die musikalischen Einlagen die Highlights des Films. Die Masche, allein darauf zu vertrauen, daß man beim nächsten Song und der nächsten musikalischen Montage schon mitwippen wird, nutzt sich allerdings schnell ab. John Logan (Drehbuch) und Antoine Fuqua (Regie) sagen sowieso lediglich das Einmaleins des Biopic-Kinos auf, das den Aufstieg des Künstlers mit allerlei Küchenpsychologie und halbgaren Privatismen ausschmückt, um ihn zur Projektionsfläche und zum Identifikationsangebot für alle zu banalisieren. Dabei folgen viele naheliegende Bilder: Die Kamera saust über das Soundboard im Studio und über johlende Massen. Schnelle Schnitte bei den Konzerten. Kreischende Fans, bunte Lichter, Gesten und Bewegungen im Close-Up.

Es gibt zumindest wenige Passagen und besonders eine Sequenz, die die Choreografie von „Beat It“ beleuchtet; da präsentiert sich MICHAEL als faszinierender Tanzfilm! Da versucht Fuqua, der bislang hauptsächlich im Action-Genre unterwegs war, die Sprache der Musik und des Tanzes zu dechiffrieren und zu zerlegen. Er beobachtet die Kunst als gerafften Arbeitsprozeß. Zunächst das Schnipsen, Schnalzen und Schmatzen im Studio. Ein Rhythmus bahnt sich als leiblicher Sound nach draußen. Dann die Tanzprobe. Gruppen-Choreographie ohne Untermalung. Nur das Atmen, die Geräusche der agilen Körper. Dann kommt die Musik hinzu, und das Kunstwerk entsteht aus seinen einzelnen Schritten. Viel zu schnell werden solche starken Eindrücke leider wieder vom Narrativen überschattet.

Der Film rahmt das physische Spektakel mit der Heldenreise eines Jungen, dem man beibringen will, beim Singen im Studio die Füße stillzuhalten, ehe er einfordert, den performenden Körper in seiner Ganzheitlichkeit zu würdigen. Er wird spätestens in den Konzertaufnahmen gegen Ende des Films entfesselt, während alles ringsherum, der biographische Wust, durch den sich MICHAEL arbeitet, eine unbeholfene Ansammlung kleiner Nummern bleibt. Logan und Fuqua machen ihren schillernden Star zum Protagonisten eines konservativen, mäandernden Selbstfindungsdramas über das ewige, einsame Kind, das sein Peter-Pan-Bilderbuch anschmachtet und überlegt, wie es sich aus der Verpflichtung gegenüber der Familie und dem strengen Vater Joseph befreien kann. Zuflucht findet der Erwachsene nicht bei gleichaltrigen Freunden, sondern bei fremden Kindern und den Tieren, die das Anwesen der Familie in einen Zoo verwandeln.

Dazu kommt der Drang, Jackson unbedingt als Ausgeburt des American Dream zeichnen zu wollen, den man retrospektiv noch einmal zu retten versucht. Manifestationsübungen und Affirmationen inklusive. „Find Your Voice“ oder „Progress And Perfection“ steht auf Klebezetteln am Spiegel. Alles eine Frage der Einstellung. Schließlich wird MICHAEL den Lohn für die Strapazen und das Durchhalten offenbaren. Der gewalttätige Vater prügelt seine Kinder zum Erfolg. Er warnt früh vor dem sozialen und ökonomischen Abstieg. In der Konsequenz dieses Siegermärchens wird er, obwohl zum Feindbild erklärt, Recht behalten. Das Ausharren und Quälen zahlen sich aus. Richtig spannend wird der Film dort, wo sein ideologischer Eifer mit dem Zufall, Talent und dem Denken im Schicksalhaften kollidiert. Anstatt an diesen Punkten tiefer zu bohren, jubelt er jedoch lieber im Rampenlicht des Erfolgs. Jackson wird so zum Wohltäter und Angehimmelten, der Gelder spendet, gottgleich über der Menge thront und krebskranke Kinder besucht. Er durchleidet Martyrien, um von der Leinwand zu sprechen, er wolle Liebe und Freude verbreiten, gar, um zu heilen. Dies sei seine Bestimmung. Mit Sentimentalität und vielleicht auch Kitsch geizt dieser Pop-Gottesdienst jedenfalls nicht. Er formuliert eine Predigt an die Bekehrten.

[ Janick Nolting ]

Michael ab heute im Kino in Leipzig