Originaltitel: I SWEAR

GB 2025, 121 min
Verleih: Wild Bunch

Genre: Biographie, Tragikomödie

Darsteller: Robert Aramayo, Maxin Peake, Peter Mullan, Shirley Henderson

Regie: Kirk Jones

Kinostart: 28.05.26

  • Film des Monats

Verflucht normal

Von einem, der Laternen küßt

„Wenn Du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von Deinen Plänen.“ Ja, sicherlich, ein vielzitierter Spruch, doch selten paßte er so gut wie zu John Davidson. Nicht, daß John sonderlich viel mit Gott am Hut hätte, beim einfachen Leben im schottischen Kaff Galashiels glaubt man eher weniger ans Himmlische, aber Pläne hat der Teenager schon. Vielleicht sind es aber auch nur die Pläne seines jähzornigen Vaters, die aus dem talentierten Jungen einen erfolgreichen Fußballer machen sollen.

Doch dann kommen die Tics. Und die Flüche. Erst leicht und vereinzelt, dann arg und häufig. Und mit den Tics und den Flüchen kommt die Scham. Und mit der Scham die Angst und das Patzen im Tor, als der Talentscout aufschlägt. Und mit dem Patzen geht der Vater erst in die Kneipe und dann für immer. Johns überforderte Mutter ist nun allein mit vier Kindern, und eines tanzt grad aus der Reihe. Zur Scham kommt das Schuldgefühl, und die Tics und die Flüche werden arger und häufiger. John kann seine Aussetzer nicht verbergen, wird in der Schule verspottet, gemobbt, zum Direktor zitiert. Er solle das gefälligst lassen, man habe höchste Maßstäbe fürs Benehmen. Die aber hat John doch auch, nur weiß das Tourette-Syndrom nichts von Manieren.

So schwer sich das möglicherweise anliest, so leicht ermöglicht einem Kirk Jones den Zugang zu dieser staunenswerten Person John und dessen Schicksalsgeschichte. Keine Gefangenen macht sogleich der Einstieg im Jahr 2019 mit einer wunderbaren Derbheit: „Fuck The Queen!“ So tönt es aus dem erwachsenen John, just als er ausgezeichnet werden soll – mit dem Orden des British Empire, höchstpersönlich verliehen von der Mutter Königin. Man muß lachen, man darf lachen, denn John, bei aller Panik auch in diesem Moment, kann mittlerweile selbst wieder lachen, auch über Tourette.

Jones schlägt den Bogen in die 80er und 90er, und es muß im Leben des Jungen doch einen Gott gegeben haben. Wie sonst wäre es zu einer Wiederbegegnung mit dem einstigen Schulkameraden Murray, dessen patenter Mutter Dottie und später diesem prinzipientreuen und doch so offenherzigen Hausmeister Tommy gekommen? Die allesamt John genau das antragen, was man einem an Tourette leidenden Menschen anzutragen hat – Verständnis. Und Akzeptanz. Und Liebe. Und immer wieder Humor. Ja, auch hier gilt wieder, man darf lachen, wenn sich Dottie im Supermarkt beim gemeinsamen Einkauf unvermittelt von John eine fängt. Sie stand halt auf der falschen Seite, sein rechter Arm und so ...

Es rührt einen tief, wenn Jones mit dezenten Mitteln wie dem stillen Blick in Gesichter, die von Angst, Panik und Unsicherheit gezeichnet sind, von Hilflosigkeit und Ohnmacht erzählt, wenn er Johns Mama „Hör auf! Bitte!“ flehen läßt, wenn der Teenager die Schläge des Lehrers zur Züchtigung unangemessenen Verhaltens erträgt, wenn er seine Lebensträume platzen sieht, wenn er durch die Dummheit der Menschen krankenhausreif geschlagen wird, wenn der jung erwachsene John trotz heftigster Medikamente keine Linderung erfährt, und es eben erst Dottie sein wird, die sieht, wie schlecht es ihm wirklich geht. Sie ist auch die Erste, die zu John sagt, daß er endlich aufhören solle, sich nach jedem verbalen Ausfall zu entschuldigen! John ist reflektiert genug, recht früh zu ahnen, was es wirklich ist. Im Gegensatz zu durchaus arroganten Richtern, die Tourette nicht als Grund für Grenzüberschreitungen akzeptieren, da diese Diagnose in den 90ern noch nicht in den Kanon der neuro-psychiatrischen Erkrankungen gefunden hatte.

VERFLUCHT NORMAL blättert keine herunterziehende Krankenakte auf, vielmehr ist es ein wunderbares und mitreißendes Stück reinsten britischen Kinos, das ja ohnehin seit Jahrzehnten für seinen derben Humor zu Recht gefeiert wird. Jones glückt es, von Einsamkeit, Druck, Streß, Zwangsstörungen und der so dringend notwendigen Ordnung im Leben Johns zu erzählen, und geradezu kämpferisch wird uns als Zuschauern reichlich Unbekanntes zu Tourette vermittelt. Auch das darf Kino.

Zu den Tränen des Mitgefühls gesellen sich bald die der puren Freude, wenn eben John bei Tommy einen Job findet und bald darauf auch eine weitere Bestimmung – die Aufklärung über Tourette. Und in deren Zuge wieder herrlich komisch: ein saftiges Battle mit der Leidensgenossin Lucy. Und wegschmeißen mag man sich auch, wenn sich John beim Schritt in die Unabhängigkeit eine Sozialwohnung anschaut, die er gern hätte: „Verkackte Bruchbude!“ Er bekommt die Bude, und irgendwann liegt dann dort dieser Brief im Kasten, Absender Buckingham Palast ...

[ Michael Eckhardt ] Michael mag Filme, denen man das schlagende Herz seiner Macher auch ansieht. Daher sind unter den Filmemachern seine Favoriten Pedro Almodóvar, Xavier Dolan, François Ozon, Patrice Leconte, Luis Buñuel, John Waters, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini, Ingmar Bergman. Er mag aber auch Woody Allen, Michael Haneke, Hans Christian Schmid, Larry Clark, Gus Van Sant, Andreas Dresen, Tim Burton und Claude Chabrol ...
Bei den Darstellern stehen ganz weit oben in Michaels Gunst: Romy Schneider, Julianne Moore, Penélope Cruz, Gerard Depardieu, Kate Winslet, Jean Gabin, Valeria Bruni-Tedeschi, Vincent Cassel, Margherita Buy, Catherine Deneuve, Isabelle Huppert ...
Eine große Leidenschaft hat Michael außerdem und ganz allgemein für den französischen Film.