D/Österreich 2026, 95 min
Verleih: Weltkino
Genre: Dokumentation, Biographie
Darsteller: Sandra Hüller
Regie: Regina Schilling
Kinostart: 25.06.26
Bedeutend. Wegweisend. Radikal. Wenn sich am 25. Juni 2026 der Geburtstag der österreichischen Lyrikerin, Prosaschriftstellerin und Essayistin Ingeborg Bachmann zum 100. Mal jährt, werden sich diese oder ähnliche Begriffe in Reden und sonstigen Würdigungen häufen. Falls sich Redner und Würdiger entschließen könnten, die unermüdliche Sprachaufbrecherin nicht mit gebrauchspoetischen Selbstversuchen übertreffen zu wollen, sondern die abgetragenen Vokabeln einfach wiederzuverwenden, wären offizielle Huldigungen deutlich besser auszuhalten. Vielleicht sogar für Ingeborg Bachmann, weilte sie denn noch unter uns.
Zu Lebzeiten machte Bachmann, wie allerhand Bild-, Ton- und Textarchivalien belegen, mit Würdigungen jedenfalls merkwürdige Erfahrungen. Etwa bei der Gruppe 47, wo sich 1952 schnell ein hilfreicher Herr fand, der ihre lyrischen Beiträge – wegen der mangelnden technischen Qualität der Rezitation – sicherheitshalber noch einmal laut und deutlich vortrug. Danke. Oder als die liebe Ex-Schulkameradin Melanie Pichler vor laufender Kamera ausplauderte, was die Herren so gern hörten, nämlich Kosenamen, Vertraulichkeiten und andere Indiskretionen aus Bachmanns kränklichen Mädchenjahren. Danke. Oder als Herr Reich-Ranicki ihr 1965 die buchhalterische Ehre erwies, sie zu den gültigen zwölf, höchstens dreizehn schreibenden Frauen der deutschsprachigen Literatur zu rechnen. Danke. Oder in einer 1968 ausgestrahlten Folge der Fernsehreihe „Handwerk des Lesens“, in dem der rhetorisch beschlagene Herr Jens der Welt, darin natürlich auch Bachmann, ihr Gedicht „Anrufung des Großen Bären“ erklärte. Danke. Oder 1972, als sie ein Herr anläßlich der Verleihung des Anton-Wildgans-Preises als „eine der schönsten Blüten der österreichischen Literatur“ pries. Oh, danke. Mit dieser verunglückten Freundlichkeit meinte besagter Herr allerdings „Malina“, Bachmanns einzigen vollendeten Roman. Bis in unsere Tage gilt er als Bibel aller Suchenden nach einem explizit weiblichen literarischen Klang.
Auch Regina Schilling, studierte Literaturwissenschaftlerin und mehrfach Grimme-Preis-prämierte Dokumentarfilmerin (unter anderem für KUHLENKAMPFFS SCHUHE), bekennt sich zur anzündenden „Malina“-Lektüre-Erfahrung. Ohne, wie sie zugibt, das vergleichsweise schmale Bändchen in seiner gewalttätigen, machtgetriebenen Dreiheit (!) von Mann, noch einmal Mann und Frau gleich verstanden zu haben. Überhaupt darf man sich fragen, wie eine öffentliche und sich gleichzeitig so in ihrem Schreiben verbergende Autorin wie Bachmann – das sagte Elfriede Jelinek einmal über sie – dokumentarisch zu fassen sei. Wie bekommt man jemanden zu greifen, der sein Ich – in allen intellektuellen
und geschlechtlichen Dimensionen – immer wieder zur Disposition stellt? Der sich nur unter Männern wohlfühlt, mit Paul Celan, Max Frisch, Hans Werner Henze, aber schließlich doch über sie hinweg muß? Abfuhr an einen neugierigen Radiojournalisten: „Angaben zur Person sind immer das, was mit der Person am wenigsten zu tun hat.“
Sandra Hüller – richtig: „unsere“ Frau in Hollywood, Cannes, Berlin und so weiter – kommt, um mit Schilling eine „Séance“ abzuhalten. Die beiden scherzen auf offener Szene, doch das gespenstische Vorhaben ist von filmpoetologischem Ernst. In einem Apartment in Rom, ausgewählt und angemietet, um Bachmanns letzten Lebensort zu simulieren, nistet Hüller sich ein. Sie setzt Perücken auf, wirft sich in die Bachmann-Posen ikonischer Pressefotos aus den 50ern, 60ern, 70ern, haut in Schreibmaschinen-Tasten, dreht Wasserhähne auf, wirft sich wallende Gewänder über, klemmt sich in hochgeschlossene Blusen, steckt sich an der elektrischen Herdplatte die vorletzte, vielleicht vorvorletzte Zigarette an …
Als ließe sich in diesem performativen Akt das Karussell aus mal im Streit befindlichen, mal fraternisierendem Archivmaterial anhalten. Als ließe sich ein Leben, inklusive Tod durch Verbrennungen, auf magische Weise herbeiwohnen. Tatsächlich, den Versuch ist es wert.
[ Sylvia Görke ]