Originaltitel: PRIMAVERA
I/F 2025, 110 min
Verleih: X Verleih
Genre: Drama, Historie, Musik
Darsteller: Tecla Insolia, Michele Riondino, Andrea Pennacchi, Fabrizia Sacchi, Valentina Bellè
Regie: Damiano Michieletto
Kinostart: 21.05.26
Der deutsche Titel führt in die Irre, indem er Vivaldi zum Fokus erklärt, welchen die Ich-Erzählerin begleitet; umgekehrt wird ein passender Schuh draus. Tatsächlich erfüllt der „Die Vier Jahreszeiten“-Schöpfer und „Rote Priester“ bloß eine Nebenfunktion, ist kränkelnder Lehrmeister und Unterstützer der eigentlichen Hauptfigur Cecilia. Nicht schlimm, nur wohl vorab für all jene Zuschauer wissenswert, denen am angedeuteten Biopic lag.
Besagte Cecilia wächst im Waisenhaus auf, erhält dort eine musikalische Ausbildung und erweist sich als wahres Naturtalent. Nichtsdestotrotz blickt sie dem üblichen Prozedere entgegen, konkret baldiger, die Heimkasse füllender Zwangsverheiratung – und damit Abkehr von den Künsten. Daß sich die junge Rebellin ihrem zukünftigen Gatten schlicht verweigert, wird einen hohen Tribut fordern, aber bevor es so weit kommt, sorgt sich Filmregiedebütant Damiano Michieletto mit fast väterlicher Fürsorge um seine Protagonistin. Cecilia liegt ihm ebenso offensichtlich am Herzen wie eine ausgedehnte Operninszenierungslaufbahn hinter ihm: Michieletto erschafft gekonnt eine tragfähige Symbiose von Optik und Akustik, spielt die Gefühlsklaviatur professionell von A bis Z und zurück. Er hat verstanden, daß Bindung über Identifikation und persönliche Entwicklung funktioniert, weswegen Cecilia anfangs noch ein unsicheres Mädchen verkörpert, das regelmäßig an ihre unbekannte Mutter schreibt, auf ein Kennenlernen hoffend – am Ende löst sich Cecilia, jetzt emanzipierte Frau, in einer schönen Szene von dieser Gefühlsfessel.
Dazwischen steht (der übersetzt „Frühling“ bedeutende luftig-poetische Originaltitel läßt’s ahnen) ihr Erblühen, unterstützt von wohlmeinenden Menschen wie eben Vivaldi, dazu zum Beispiel eine ungewöhnlich freundliche Dame höherer Abstammung. Da geht Michieletto die Zuneigung manchmal schon ziemlich durch, unter anderem, wenn sogar die zu Beginn als Kätzchen mordende Furie gezeichnete Priorin zur 180°-Wende ansetzt. Ungeachtet solchen Charakterzeichnungsmärchenraunens lohnt es, parallel zur Selbstbestimmungsstory sowie natürlich wunderbarer Musik plus Bildern voller Ausstattungsrausch und beengender Finsternis, auch allerhand tiefer klingende Zwischentöne nicht aus den Ohren zu verlieren. Vivaldis Werk wiederzuentdecken sowieso.
[ Frank Blessin ] Frank mag Trash, Grenzgängerisches und Filme, in denen gar nicht viel passiert, weil menschliche Befindlichkeiten Thema sind. Russ Meyer steht deshalb fast so hoch im Kurs wie Krzysztof Kieslowski. Frank kann außerdem GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN mitsprechen und wird IM GLASKÄFIG nie vergessen ...